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Bücher, Fussball: Ich habe einige Auszüge aus einem großartigen Fußballbuch aufgeschrieben…

Grafik: Jabs

Grafik: Jabs

Philippe Dubath

„Zidane und ich“

Brief eines Fußballspielers an seine Frau

“…Der Fußball hat mir ganz allmählich erklärt, wer ich bin: Ein Kind, das gern spielt, und ein Erwachsener, der es liebt, dieses Kind in sich zu spüren…

Heute Abend habe ich Lust, dir von ihm zu erzählen und dir zu erklären, warum ich ihn liebe. Warum ich morgens im Duft des letzten Kaffees und in der Eile des Aufbruchs manchmal keine Hand mehr frei habe, um deine Schulter zu streicheln. Die eine ist von der mageren Ledertasche besetzt, in der irgendwelche langweiligen Papiere schlafen. Die andere trägt einen prallen, schweren, vollgestopften Leinenbeutel, aus dem ein Geruch aus muffiger Feuchtigkeit und getrocknetem Schweiß aufsteigt. Ein Pulliärmel, der Saum eines Handtuchs oder ein erdiger Schnürsenkel baumeln heraus. Dieser Tag, das weiß ich,  wird mir leicht werden: ich habe ein Rendezvous, mit ihm…

Nein, ich habe keinen Geliebten, obwohl es wahrhaftig um Liebe geht. Zuneigung wäre zu schwach. Leidenschaft zu romantisch. Liebe ist das passende Wort für ein Gefühl, das mich seit Jahrzehnten dazu treibt, mit einem Ball an meiner Seite zu leben. Zu Hause, im Auto, im Garten, überall liegt oder rollt einer herum…

Wenn ich ihm begegne und ihn so reglos daliegen sehe, kann ich es manchmal nicht lassen, ihn mit der Hand anzuschubsen. Aber viel lieber ertaste, erwecke, inhaliere, begehre, zitiere ich ihn mit meinem rechten Fuß…

Ja, ich liebe den Ball von ganzem Fuße. Ich liebe Fußball…

Der Fußball packte mich also in dieser Nebelnacht und ließ mich nicht mehr los. Man kann nicht sagen, dass ich es geschafft hätte, ihn zu verführen. ich bekam bald einen Ball aus echtem Leder, aber ich kam nicht dazu, von einer Zukunft als Fußballstar zu träumen, von dem man in den Zeitungen und im Fernsehen spricht. Angesichts meiner Langsamkeit, meines empfindlichen Rückens und meiner unüberwindbaren Faulheit erkannte ich schnell, dass ich nicht aus dem Holz geschnitzt war, aus dem man eine Berühmtheit macht. Es hätte mir gefallen und wäre mir zupass gekommen, Fußball zu spielen, ohne rennen zu müssen, wenn nur die beste statistische Geschicklichkeit im Umgang mit dem Ball gezählt hätte. Aber so war ein nicht…

Unwichtig. Trotz meiner Schwächen, meiner Mängel, meiner Unfähigkeit, über mich hinauszuwachsen, trotz all dieser Lasten auf den Schultern entdeckte ich in wenigen Jahren die großzügige Gastfreundschaft des Fußballs. Denn auch er trägt einen Mantel, der weit genug ist, um sie alle aufzunehmen und schön warm aneinander zu drücken, die Schönen und die Begabten, aber auch die Mageren, die Hässlichen, die Langsamen, die Buckligen, die Scheinheiligen und Bösewichte. Und sogar diejenigen, die ein bisschen von allem sind…

Aber es blieb noch der Ball. Der Fußball. Und wenn du den Ball liebst, wirst du zwangsläufig irgendwann auf einen netten Menschen stoßen, mit dem du zunächst einmal mit den Füßen reden kannst. Und dabei auf bessere Zeiten hoffst…

Im Club, der uns den Vorteil bot, dass wir regelmäßig trainieren und am Wochenende echte Turniere mit echten Trikots gegen echte Mannschaften anderer echter Clubs spielen konnten, fühlte ich mich auch sehr wohl. Wir kamen aufs Spielfeld, der Trainer gab uns zwei, drei Bälle, und das war‘s, wie im Park, wie überall, wir unterhielten uns mit den Füßen…

Ich meine, wenn du den Ball einem anderen zuspielst, ist dieser andere für dich jemand. Eine Person. Du hast ihn  gesehen, du beobachtest ihn, du nimmst ihn zur Kenntnis, er ist sofort mit dir verbunden, und ein Gespräch entspinnt sich von Fuß zu Fuß. Genauso wenig ohne dich. Ihm gut den Ball zuzuspielen heißt, ihn respektieren. Ihm den Ball wegzunehmen heißt existieren. Wir sind zwei, drei, zehn, und wir lassen das so genannte Leder rollen, mit der unbewussten Gewissheit, dass es nicht von einer Sekunde zur anderen viereckig und unbeweglich sein kann, dass es weiterrollen wird, dass also jeder es früher oder später wieder berühren wird…

Wir lernten uns durch unsere Art zu spielen kennen, das ist die Realität, hier und woanders, gestern und morgen, auf jedem Niveau. Fußballspielen heißt, durch Gesten und Bewegungen, durch Ideen und Entscheidungen einen großen Teil von sich erkennen zu lassen. Fußball offenbart die Gesinnung der Menschen manchmal wahrhaftiger als ihre Worte. Er heißt jeden willkommen, aber er schmeichelt niemandem…

Wir beschimpfen uns am Montag – die Worte konnten durchaus verletzen, weil sie das Wesentliche berührten, nämlich das Fehlen von Talent und Leichtigkeit -, aber am Dienstag waren alle wieder da, hier oder dort, mit dem Ball, ohne Erinnerung an den Streit von gestern – fast ohne, seien wir ehrlich…

Der Fußball lud mich ein, jeden Tag ein neues Vergnügen zu erleben. Ich lehnte mich an ihn, wie sich ein kleiner Junge, wenn er müde ist, vielleicht an seinen Hund lehnt, Ich spielte und spielte, ohne Talent, aber mit Spaß, ich entdeckte jeden Tag, dass der Zweite ebenso viel wert ist wie der Erste…

Manchmal, das wird dir komisch vorkommen, manchmal freute ich mich, wenn ich einen Schlag abbekam. Ich blieb liegen, und die anderen sorgten sich um mich, sie fragten mich, wie es mir gehe, ob es schlimm sei, ob ich weiterspielen könne, wie sie mir helfen könnten. Ich genoss es, mit der Nase im Gras den Leidenden zu spielen und so die Fürsorge der anderen dauern zu lassen…

Ich litt lange Zeit, wenn ich die Mädchen in Begleitung der Begabtesten unter uns davongehen sah. Aber nach einigen Jahren der Enttäuschung stellte ich schließlich fest, dass es auf der Erde viel mehr hübsche Mädchen als begabte Fußballer gibt und dass ich, auch wenn ich in den Stadien auf ewig Ersatzspieler blieb, doch eines Tages meine Chance bekommen würde…

Fußball zu spielen, nicht mal sehr gut, hindert einen nicht daran, älter zu werden und schließlich erwachsen. Im Gegenteil. Und erwachsen zu werden hindert einen nicht daran, weiter Fußball zu spielen. Mit fünfzig Jahren setze ich meine gänzlich der Anonymität geweihte Laufbahn fort und spiele immer noch. Mit anderen Fußballern, die etwas jünger oder etwas älter sind und von denen einige früher das Publikum recht bedeutender Stadien begeisterten…

Ich habe dir gestanden, wie erbärmlich glücklich es mich in meiner Jugend gemacht hätte, die Besseren aus meinem Gesichtsfeld verschwinden zu sehen. Heute erlebe ich den Geschmack der wahren Wehmut, wenn ich sie nicht mehr auf den Bänken in der Kabine treffe, wo sie ihre empfindlichen Körper verbanden  und bepflasterten, um noch ein Spiel, wenigstens ein Spiel noch zu schaffen. Ihr leicht ergrautes Talent, das dazu passende Gesicht und ihre Launen fehlen meinen Augen und meinem Herzen. Ich bin traurig, dass ich mit ihnen keinen Doppelpass mehr wagen und manchmal auch schaffen kann, dieses „Eins-Zwei“, wie wir hier sagen, das uns vor gar nicht langer Zeit noch für Stunden und Tage glücklich machen konnte – und wenn ich glücklich sage, meine ich wirklich glücklich…

Egal wie alt du bist, ein gelungenes „Eins-Zwei“ muss ausführlichst besprochen werden, vor allem, wenn es zu einem Tor führt. Kann schon sein, dass man die anderen damit langweilt. Manchmal übertreibt man auch, vergisst dabei alle verpatzten Doppelpässe, und mit der Zeit werden die gelungenen, von denen die Rede geht, immer schöner, schwieriger und außergewöhnlicher…

Wir rennen nicht mehr so schnell – wobei mir meine Freunde versichern, dass ich nichts von meiner Langsamkeit verloren habe -, wir springen weniger hoch oder gar nicht mehr, unser Charakter wird im Laufe der Jahre nicht besser, wir sind nachtragender denn je. Aber wir lieben uns. Und es ist wie früher, wie gestern, man gibt uns einen Ball, und alles beginnt von vorn…

Das Spiel, das immer wieder von vorn anfängt. Alles fängt immer und immer wieder von vorne an. Alles ist vergeblich, weil vergänglich, aber alles lässt sich immer wieder neu aufbauen…

Und gleich noch ein Geschenk des Fußballs: Man macht ein Leben lang Fortschritte und jeder kann in seinem eigenen Spiel, in seinen eigenen Ideen, in seiner Sicht der Dinge Verbesserungen bemerken, wie sie gerade bei Spielern, die bei null oder wenig mehr angefangen haben, besonders spürbar sind. Was für ein Glücksgefühl, wenn sich unter den schon weißen Haaren endlich das Auge geschärft hat und man den Winkel erspäht, aus dem heraus sich womöglich ein Pass in die Tiefe spielen oder ein viel versprechender Schuss abgeben lässt. Beim Fußball kann die Intelligenz sich mit dem Alter paaren und den lahmen, ächzenden Körper  sich selbst überlassen…

Beim Fußball geht es nicht um Gefühlsduselei. Der Einsatz ist zu groß. Welcher Einsatz denn? Ich weiß es nicht. Aber er ist in jedem Fall zu groß…

Apropos Frauen, weil wir gerade davon reden: Wäre es vorstellbar, dass es für sie ein Betätigungsfeld gibt, das mit Fußball vergleichbar wäre, indem sie in einer gemeinsamen Bewegung eher Stimmungen als Worte austauschen, eher Körper als Blicke kreuzen, ihre Talente vereinen würden? Und das sie überall auf der Welt wieder finden könnten? Fehlt ihrem Leben nicht diese rein spielerische Begegnung, die Verbissenheit und eine gewisse Kindlichkeit kultiviert, aber auch Aufrichtigkeit und den Charme, den Spaß um des Spaßes willen zu genießen? Wenn eines Tages so ein Spiel in der Welt der Frauen zutage treten würde, ich bin überzeugt, dass die Fußballspieler dann die Ersten wären, die aufspringen würden, um, ihren Frauen äußerst liebenswürdig und mit großer Eleganz alles Notwenige zu servieren, um während der großen Fernsehübertragungen ihrer Leidenschaft das Überleben zu garantieren…

Eines Tages werde ich sterben. Ich werde schon mal ein bisschen sterben, wenn ich nicht mehr spielen, keinen Ball mehr hochheben und jonglieren kann. An dem Tag, wo ich nicht mehr sagen kann, dass ich morgen vielleicht Fußball spielen gehe…”

Bücher, Fotografie: Zum x-ten Mal: Ost-/West-Berlin

1_Harald Hauswald 2_Christian Schulz

In der Flimmerkiste bekommt am 03. Oktober immer wieder Alfred Tetzlaff “Besuch aus der Ostzone”…
Die Ost-West-Geschichte Berlins wird pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit auch anhand von Fotografien noch mal beleuchtet.
Ungewöhnlich hierbei: Der West-Fotograf zeigt Schwarzweiß- und der aus dem Osten Farbbilder.

http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/av7/berlin-fotografen-aus-den-80er-jahren.html

Bücher, Musik: Robert Gwisdek – Sohn berühmter Eltern

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Der bekannte Schauspieler ist ein anscheinend wahnsinnig talentierter und angenehm nachdenklicher junger Mann!

Leseprobe “Der unsichtbare Apfel”:
Schöne und intelligente Texte:
(mit Musik, die mich nicht begeistert, aber großen Reimen:
“Ich falte Uhrwerkorigamis aus einem Zifferblatt/
Ich entfalte mich und streiche mich glatt.”)
Ein interessantes Interview ab 17:15 Min.:

Bücher: Olaf Schwarzbach “Forelle Grau”

OL

OL

Der großartige, nicht nur von mir hoch geschätzte Cartoonzeichner OL schrieb seine Lebensgeschichte auf.
Ein Buch, das mich nicht durchgängig begeisterte. Im ersten Teil über die Ankunft Olaf Schwarzbachs in der Bundesrepublik 1989, seine frühe Kindheit in Potsdam und auch die Stasi-Protokolle ist mir das Buch zu persönlich, hat meiner Meinung nach einige Längen.
Beim weiteren Lesen kam aber große Freude auf! Wunderbare Beschreibungen des Arbeitslebens in der DDR und der doch sehr speziellen Freizeitgestaltung in Ostberlin bereiten viel Vergnügen. (“Mit Geld konnte ich nichts anderes anfangen, als es zu verfressen und zu versaufen.”)

http://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/forelle-grau-die-geschichte-von-ol-da-verstand-die-stasi-keinen-spass/11376776.html

Bücher: Erich Kästner “Im Auto über Land”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Im Auto über Land

An besonders schönen Tagen
ist der Himmel sozusagen
wie aus blauem Porzellan.
Und die Federwolken gleichen
weißen, zart getuschten Zeichen,
wie wir sie auf Schalen sahn.
Alle Welt fühlt sich gehoben,
blinzelt glücklich schräg nach oben
und bewundert die Natur.
Vater ruft, direkt verwegen:
“´n Wetter, glatt zum Eierlegen!”
(Na, er renommiert wohl nur.)

Und er steuert ohne Fehler
über Hügel und durch Täler.
Tante Paula wird es schlecht.
Doch die übrige Verwandtschaft
blickt begeistert in die Landschaft.
Und der Landschaft ist es recht.

Um den Kopf weht eine Brise
von besonnter Luft und Wiese,
dividiert durch viel Benzin.
Onkel Theobald berichtet,
was er alles sieht und sichtet.
Doch man sieht´s auch ohne ihn.

Den Gesang nach Kräften pflegend
und sich rhythmisch fortbewegend
strömt die Menschheit durchs Revier.
Immer rascher jagt der Wagen.
Und wir hören Vater sagen:
“Dauernd Wald, und nirgends Bier.”

Aber schließlich hilft sein Suchen.
Er kriegt Bier. Wir kriegen Kuchen.
Und das Auto ruht sich aus.
Tante schimpft auf die Gehälter.
Und allmählich wird es kälter.
Und dann fahren wir nach Haus.

Bücher, Musik: Franz Schubert: “Gute Nacht”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

“Gute Nacht”

Wilhelm Müller

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh’ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh’, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muss selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such’ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Dass man mich trieb hinaus?
Lass irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad’ um deine Ruh’,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib’ im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab’ ich gedacht.

https://www.youtube.com/watch?v=MFH8ZoV_zYQ