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Bücher: Hermann Hesse: “Wer lieben kann, ist glücklich”

Foto: Jabs

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Glück ist Liebe, nichts anderes.

“Je älter ich wurde und je schaler die kleinen Befriedigungen mir schmeckten, die ich in meinem Leben fand, desto mehr wurde mir klar, wo ich die Quelle der Freuden und des Lebens suchen müsse. Ich erfuhr, dass Geliebtwerden nichts ist, Lieben aber alles, und mehr und mehr meinte ich zu sehen, dass das, was unser Dasein wertvoll und lustvoll macht, nichts anderes ist als unser Fühlen und Empfinden. Wo irgend ich etwas auf Erden sah, das man “Glück” nennen konnte, da bestand es aus Empfindungen. Geld war nichts, Macht war nichts. Man sah viele, die beides hatten und elend waren. Schönheit war nichts, man sah schöne Männer und Weiber, die bei aller Schönheit elend waren. Auch die Gesundheit wog nicht schwer; jeder war so gesund als er sich fühlte, mancher Kranke blühte bis kurz vor dem Ende vor Lebenslust, und mancher Gesunde welkte angstvoll in Furcht vor Leiden hin. Glück aber war überall da, wo ein Mensch starke Gefühle hatte und ihnen lebte, sie nicht vertrieb und vergewaltigte, sondern pflegte und genoss. Schönheit beglückte nicht den, der sie besaß, sondern den, der sie lieben und anbeten konnte.

Es gab vielerlei Gefühle, scheinbar, aber im Grunde waren sie eins. Man kann alles Gefühl Willen nennen, oder wie immer. Ich nenne es Liebe. Glück ist Liebe, nicht anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. Jede Bewegung unserer Seele, in der sie sich selber empfindet und ihr Leben spürt, ist Liebe. Glücklich ist also der, der viel zu lieben vermag. Lieben aber und Begehren ist nicht ganz dasselbe. Liebe ist weise gewordene Begierde; Liebe will nicht haben; sie will nur lieben. Darum war auch der Philosoph glücklich, der seine Liebe zur Welt in einem Netz von Gedanken wiegte, der immer und immer neu die Welt mit seinem Liebesnetz umspann. Aber ich war kein Philosoph.

Auf den Wegen der Moral und Tugend aber war für mich auch kein Glück zu holen. Da ich wusste, glücklich machen kann nur die Tugend, die ich in mir selbst empfinde, in mir selbst erfinde und hege – wie konnte ich da irgendeine fremde Tugend mir aneignen wollen! Aber das sah ich: das Gebot der Liebe, einerlei ob es von Jesus oder von Goethe gelehrt wurde, dies Gebot wurde von der Welt völlig missverstanden! Es war überhaupt kein Gebot. Es gibt überhaupt keine Gebote. Gebote sind Wahrheiten, wie der Erkennende sie dem Nichterkennenden mitteilt, wie der Nichterkennende sie auffasst und empfindet. Gebote sind irrtümlich aufgefasste Wahrheiten. Der Grund aller Weisheit ist: Glück kommt nur durch Liebe. Sage ich nun “Liebe deinen Nächsten!”, so ist das schon eine verfälschte Lehre. Es wäre vielleicht viel richtiger zu sagen: “Liebe dich selbst so wie deinen Nächsten!” Und es war vielleicht der Urfehler, dass man immer beim Nächsten anfangen wollte …

Jedenfalls: das Innerste in uns begehrt Glück, begehrt einen wohltuenden Zusammenklang mit dem, was außer uns ist. Dieser Klang wird gestört, sobald unser Verhältnis zu irgendeinem Ding ein anderes ist als Liebe. Es gibt keine Pflicht des Liebens, es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins. Dazu allein sind wir auf der Welt. Und mit aller Pflicht und aller Moral und allen Geboten macht man einander selten glücklich, weil man sich selbst damit nicht glücklich macht. Wenn der Mensch “gut” sein kann, so kann er es nur, wenn er glücklich ist, wenn er Harmonie in sich hat. Also wenn er liebt.

Und das Unglück in der Welt, und das Unglück bei mir selber kam also daher, daß das Lieben gestört war. Von hier aus wurden mir die Sprüche aus dem Neuen Testament plötzlich wahr und tief. “So ihr nicht werdet wie die Kinder” – oder “Das Himmelreich ist inwendig in euch”.

Dies war die Lehre, die einzige Lehre der Welt. Dies sagte Jesus, dies sagte Buddha, dies sagte Hegel, jeder in seiner Theologie. Für jeden ist das einzig Wichtige auf der Welt sein eigenes Innerstes – seine Seele – seine Liebesfähigkeit. Ist die in Ordnung, so mag man Hirse oder Kuchen essen, Lumpen oder Juwelen tragen, dann klang die Welt mit der Seele rein zusammen, war gut, war in Ordnung.

… Nichts vermag der Mensch so zu lieben wie sich selbst. Nichts vermag der Mensch so zu fürchten wie sich selbst. So entstand zugleich mit den anderen Mythologien, Geboten und Religionen des primitiven Menschen auch jenes seltsame Übertragungs- und Scheinsystem, nach welchem die Liebe des Einzelnen zu sich selber, auf welcher das Leben ruht, dem Menschen für verboten galt und verheimlicht, verborgen, maskiert werden musste. Einen anderen zu lieben galt für besser, sittlicher, für edler, als sich selbst zu lieben. Und da die Eigenliebe nun doch einmal der Urtrieb war und die Nächstenliebe neben ihr nicht recht gedeihen konnte, erfand man sich eine maskierte, erhöhte, stilisierte Selbstliebe, in Form einer Art von Nächstenliebe auf Gegenseitigkeit. … So wurde die Familie, der Stamm, das Dorf, die Religionsgemeinschaft, das Volk, die Nation zum Heiligtum … Der Mensch, der sich selber zuliebe nicht das kleinste Sittengebot übertreten darf – für die Gemeinschaft, für Volk und Vaterland darf er alles tun , auch das Furchtbarste, und jeder sonst verpönte Trieb wird hier zu Pflicht und Heldentum. So weit war die Menschheit bis jetzt. Vielleicht würden auch die Götzenbilder der Nationen mit der Zeit noch fallen, und in der neu entdeckten Liebe zur ganzen Menschheit käme vielleicht die alte Urlehre wieder neu zum Durchbruch.

Solche Erkenntnisse kommen langsam, man windet sich zu ihnen in Spiralen hinan. Und wenn sie da sind, so ist es, als habe man sie im Sprung, im Nu erreicht. Aber Erkenntnisse sind noch nicht Leben. Sie sind der Weg dazu, und mancher bleibt ewig auf dem Weg.”

 

Bücher: Hermann Hesse: Über das Alter

Foto: Jabs

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Altwerden

All der Tand, den Jugend schätzt,

Auch von mir ward er verehrt,
Locken, Schlipse, Helm und Schwert,
Und die Weiblein nicht zuletzt.

Aber nun erst seh ich klar,
Da für mich, den alten Knaben,

Nichts von allem mehr zu haben.
Aber nun erst seh ich klar,
Wie dies Streben weise war.

Zwar vergehen Band und Locken

Und der ganze Zauber bald;
Aber was ich sonst gewonnen,
Weisheit, Tugend, warme Socken,
Ach, auch das ist bald zerronnen,
Und auf Erden wird es kalt.

Herrlich ist für alte Leute

Ofen und Burgunder rot
Und zuletzt ein sanfter Tod –
Aber später, noch nicht heute!

Bücher: George Saunders: “Fuchs 8″

Foto: Jabs

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Das Büchlein ist wunderschön gemacht.
Es wurde als großer Wurf George Saunders nach seinem fulminanten Roman “Lincoln im Bardo” angekündigt
Mich hat dieser Brief eines Fuchses aber nicht so ganz mitgenommen. Die Geschichte ist mir zu “gerade”, ohne kecke Wendungen oder überraschende Ideen.
Zitat: (Diese erfundene Sprache “Füchsisch” ist ab und an schwer zu verstehen.)
“Ich konnte immer nur denken, Fuks 7 is tot, und ich bin dran schult. warum blos hatte ich dise blöde Idee gehabt, in di Mool zu geen” Warum bin ich so komisch auf die Welt gekomm? Warum konnte ich kein normaler Fuks sein, der keine Tagtroime hat, nur Füksisch spricht und sein Krosen Fürer gehorcht?

Es war di schlechteste aller Zeiten, es war di schlechteste aller Zeiten. 
Und gans erlich, mir wurde ein bisschen schlecht im Härzen.”
 
“Ich wollte nich di Sorte Papa sein, der immer so sauer is, das er nur noch knurt, und seine Bebys dann immer so: Oah, Papa zit uns runter, der findet das Leem nich kul, hokkt immer nur sauer im Bau, wärend wir andern Fükse in den Mond kukken und kuscheln und mit der Schwanzgegend so hin und her wakkeln, wi wir Fükse das machen, wenn wir und froien. Ich wollte di Sorte Papa sein, wo unsere Bebys in vilen Jaren, wenn si an mich denken, sagen werden, der gute alte Papa, war immer für und da und hat uns mit der Schnauze drauf gestupst, was gutes Fressen is und was nich.”
 
“Ich weis, das Leem kann gut sein. Meistens is es gut. Ich hab sauberes kaltes Wasser an ein heisen Tag getrunken, das leise Wuff von meiner Libsten gehört und lang sarm Schgnee fallen seen, was den gansen Walt leise macht. Aber jezz komm mir dise glükklichen Bilder und Geroische alle vor wi Trikks. So als wären di guten Zeiten wi Rauch, und wenn er verwet, bleibt das echte Leem, nemlich: Steinhütte, Treten, Stamfen. Jede Minute one Treten und Stamfen kommt mir jezz vor, als wär si keine echte Minute.” 

Bücher: Axel Hacke: “Wozu wir da sind”

Foto: Jabs

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Ein mit reichlich Vorschusslorbeeren bedachtes Buch. Das Lesen war meist kurzweilig und oft witzig, machte viel Spaß. (Mich lenkten aber auch einige Längen ab, und mitunter wähnte ich Nähen zu Ratgeberliteratur.)  Immer geht es um das Glück, um ein gelungenes Leben. Die Gedanken des Autors regten zum Nachdenken über das eigene Dasein an. Was ist der Sinn meines Lebens? Wozu bin ich da? Wie kann ich bewusst und selbstbestimmt in meinem Umfeld wirken, nachwirken? Vieles erscheint nicht umwerfend überraschend Aber die einfachen Antworten beruhigen den aufmerksamen Leser, wissend, dass jeder unserer Mitmenschen andere geben kann.

Axel Hacke:
Wozu wir da sind 

Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

Ein gelungenes Leben?

“Ein paar Vorschläge von meiner Seite.

Seien Sie aufmerksam, für sich und für andere, blicken Sie hinter die Fassaden und öffnen Sie Ihre eigenen Türen. Versuchen Sie, sich selbst zu verstehen. Betrachten Sie Ihr Leben als Aufgabe, die Sie sich selbst gestellt haben. Falls Sie entdecken, dass Sie auf Schienen fahren, die Sie nicht verlassen können: Verlassen Sie diese trotzdem! Seien Sie offen für das Unerwartete. Halten Sie Kontakt zur Welt. Überprüfen Sie ab und zu die Drähte dorthin. Lächeln Sie einen Kaktus an! Achten Sie auf die Risse in den Dingen und den Menschen. Seien Sie bereit, falls das Glück Sie aufsuchen möchte. Bleiben Sie im Haus, wenn es Pech regnet. Passen Sie auf, dass Ihnen der Bedienhebel für Ihre Lebenslok nicht verloren geht, the Train it won’t stop going. Bedenken Sie, dass der Erlöser möglicherweise Charlie heißt und in einer U-Bahn unter Ihren Füßen umherirrt. Urteilen Sie nicht zu viel, hören Sie besser zu. Treffen Sie jederzeit selbst die Entscheidung über die Position Ihrer Mundwinkel. Essen Sie regelmäßig Ihre Knoblauchspaghetti. Üben Sie das Vergeben und das Vergessen.. 

Notieren Sie sich folgende Stichwörter: Staunen, Respekt, Zärtlichkeit. 

Und suchen Sie sich einen Friseur, den Sie richtig mögen. Und der Sie mag.”

Zitate:

“Sind Freunde nicht die Leute, die Dinge von dir wissen, die alle anderen nicht wissen? Ist das nicht eine Art Definition? Und mit denen du über Dinge reden kannst, über die du mit anderen nicht sprichst? Nicht sprechen kannst? Nicht sprechen willst?Ist nicht auch Freundschaft, wie die Zufriedenheit, etwas Stilles, etwas, was nicht behauptet werden muss und nicht behauptet werden sollte, was mit den Jahren wächst, und an dem man arbeiten muss? Etwas Seltenes auch – oder: Wie viele Freunde kann man haben?Wie viele solcher Beziehungen passen in ein Leben, wenn man es ehrlich meint?”

“Verlieren sie sich nicht in den tausend Zerstreuungen unserer Welt, sondern vertiefen sie sich.”

Bücher: Jocelyne Saucier: “Ein Leben mehr”

Foto: Jabs

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Ein wunderbares Buch über alte Menschen und die Kraft ihrer Liebe, sehr traurig und sehr schön.
“Eine Geschichte, in der es um Menschen geht, die spurlos verschwinden, um eines Todespakt, der dem Leben sein Salz gibt, um den unwiderstehlichen Ruf der Wildnis und um die Liebe, die dem Leben seinen Sinn gibt.”
Zitate: “Von alten Menschen erfährt man nur etwas, wenn man ihnen in die Augen sieht. Die Augen enthalten ihre Lebensgeschichte.”
“Hast du kein eigenes Leben? Oder warum interessierst du dich so sehr für das Leben anderer?”
“Ich will betrunken sterben. Das war sein letzter Wille.”
“Um den Tod muss man sich keine Sorgen machen, er lauert in allen Geschichten.”
 
(Der Roman wird wohl verfilmt.)