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Bücher: Alexander Osang: Eine Ostergeschichte 2021

Foto: Jabs

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Die Queen von Berlin 

 

Als der Wagen das Spreeufer verließ, fühlte sich Frau Schmidt, als würden die Ferien zu Ende gehen. Der Blinker klickte, es war ein beruhigendes, schweres Klicken. Sie warteten an der Kreuzung Warschauer Strafe, Frau Schmidt schmiegte sich in die Polster und sah hinaus auf die verschlafenen jungen Menschen mit den verstruppten Frisuren, die an der Fußgängerampel standen. Es war ein kalter Märzmorgen. Frau Schmidt konnte sich nicht vorstellen, dort draußen zu sein, bei denen.

Sie lehnte den Kopf leicht an die Fensterscheibe.

Ein Mädchen mit einer rostroten Strickmütze, die aussah, als wurde sie kratzen, sah sie an, es war anderthalb Meter entfernt, vielleicht zwei. Das Mädchen hatte dunkle Augen, die gedankenlos, womöglich sogar etwas verärgert in ihre Richtung schauten. Frau Schmidt überlegte, was die junge Frau von ihr hielt. Sie trug einen Mantel von Margarethe, der ihr ein bisschen zu groß war, auch die Pelzkappe und die Sonnenbrille hatte sie aus dem Fundus ihrer Nachbarin. Margarethe war nach Guatemala geflohen, ein Land, das so klang, als konnte man dort Sonnenbrillen gut gebrauchen. Sie wurden morgens von Affen geweckt, hatte ihr Margarethe kurz nach Weihnachten am Telefon erzählt und gekichert, als hätte jeder sein Päckchen zu tragen. Der Wagen fuhr an, legte sich sanft in die Kurve, Frau Schmidt warf einen letzten Blick auf das frierende Mädchen, das, wie sie aus den Augenwinkeln wahrnahm, passende rostrote Handschuhe zur rostroten Mütze trug. Womöglich hatte ihre Mutter ihr die Handschuhe zu Weihnachten geschenkt, dachte Frau Schmidt, oder das Mädchen strickte selbst, jetzt, in der ewigen Tatenlosigkeit. Sie schenkte ihm ein Lächeln, das sie für gültig hielt, ein wenig, entrückt, aber doch zugewandt. Der Wagen surrte die Warschauer Straße hinauf, rote Backsteinmauern, überquellende Mülleimer, graue Menschen, es ging nach Hause. Die Ferien waren vorbei.

Links stand das alte Fabrikgebäude, in dem Bodo ein paar Jahre gearbeitet hatte, ein Kühlschrankbetrieb. Kühlautomat. So hieß das. Sie freute sich, dass ihr der Name eingefallen war, und hätte ihn gern mit jemandem geteilt, glaubte aber nicht, dass der Fahrer sie verstehen würde, und hatte keine Lust auf Erklärungen, in denen ihr verstorbener Mann und ein Ost-Berliner Betrieb vorkamen, den es ebenfalls nicht mehr gab. Sie wollte noch ein bisschen in dem Gefühl baden, einer anderen, extravaganten Welt zu entstammen, in der es keine Maschinenschlosser namens Bodo gab. Die Dame im Fonds.

Sie umrundeten den Bersarinplatz und erreichten das schäbige Ende der Danziger Straße, Frau Schmidt träumte sich zu dem frühen, eiskalten Märzmorgen, an dem sie im Taxi auf ihre erste Impfung gewartet hatte. Die Taxis hatten sich von Treptow bis nach Kreuzberg gestaut, eine dampfende Schlange von Taxen, in denen alte Damen saßen, die zu ihrer Impfung gefahren wurden. Sie hätte ewig so sitzen können. Klassikradio, die Wärme im Wagen, die Kälte dort draußen, die abgerissenen Gestalten im Park wie in einer anderen Welt, hinter Glas. Sie hatten sich langsam zur Halle vorgeschoben, in der das Berliner Impfzentrum eingerichtet worden war. Arena! Frau Schmidt hatte sich vorgestellt, zu einer Filmpremiere zu fahren, und bereut, nicht entsprechend gekleidet zu sein.

Gut gelaunte Menschen in bunten Westen hatten sie zu den verschiedenen Stationen begleitet: Registrierung, Belehrung, Impfung. Am Ende hatte sie ein junger Mann in eine Art Ruheraum geführt, wo sie eine halbe Stunde auf eventuelle Nebenwirkungen warten sollte. Der Mann hatte ihr gesagt, dass er normalerweise in einem Varieté arbeite, als erotischer Entfesselungskünstler, was immer das war. Sie hatte nicht gefragt, weil es ihr nicht schicklich schien. Heute hatte sie, unmittelbar nach der zweiten Impfung, den Orgelspieler einer Tanzkapelle kennengelernt, die seit einem Jahr nicht mehr aufgetreten war. Sie hatten über Ted Herold und Peter Kraus geredet, von dem sie beide nicht genau wussten, ob er noch am Leben war. Rex Gildo war tot, Conny Froboess lebte, die Frage war, ob sie ihre Lieder noch singen durfte. Eine Reise in den Süden ist fiir andere schick und fein. Doch die beiden Italiener möchten gern zu Hause sein. Gut gefallen hatten ihr auch die freundlichen Soldaten in ihren knitterlosen Uniformen, die sie, ohne dass sie genau hätte sagen können, warum, an Filme erinnerten, die sie als Mädchen gesehen hatte, in den 50er-Jahren. Diesmal war sie angemessen gekleidet. Sie fühlte sich wie der Star einer Revue, einer Impfrevue. Nun war der Vorhang gefallen. Vielleicht gab es später noch eine kleine Nebenwirkung, hatte die Ärztin gesagt, aber das war unwahrscheinlich.

„Sieht aus, als wird es nun doch Frühling”, sagte Frau Schmidt. Sie hielt das für eine angemessene Bemerkung von der Dame im Fonds.

„Ma kieken”, sagte der Taxifahrer.

Vor dem Haus wartete sie darauf, dass der Chauffeur ihr die Tür öffnete. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, worum es ging. Sie gab ihm fünf Euro Trinkgeld und sah sich, während sie aus dem Taxi stieg, in ihrer kleinen Straße um, ob vielleicht jemand bemerkte, unter welchen Umständen sie hier vorfuhr. Frau Schmidt. Die Schmidt aus der 28.

Die Bäume waren frühlingsreif. Sie ging selten raus, in letzter Zeit gar nicht mehr. Vielleicht sollte sie sich einen Hund kaufen, einen Mops. Sie hatten doch alle diese Möpse jetzt, die jungen Menschen mit den schicken Jacken. Ein Hund, der einen nicht überforderte, eher ein Kleidungsstück als ein Tier. Ein Muff. Sie hatte immer nur Katzen gehabt, die letzte, Lili, war vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte sich keine neue Katze geholt, weil sie dachte, die würde sie überleben. Katzen hielten einen im Haus fest, dachte Frau Schmidt, zum ersten Mal im Leben dachte sie das.

Auf dem Bürgersteig stand nur ein Mädchen, fünf Jahre alt oder vier. Das Mädchen starrte sie an. Wortlos. Das wäre zu ihrer Zeit nicht schicklich gewesen, dachte Frau Schmidt. Man grüßte Erwachsene. Aber gut. Sie lächelte und tippte sich an die Pelzkappe.

„Ozelot”, sagt sie. Das Mädchen starrte.

„Meine Kappe ist vom Ozelot”, sagte Frau Schmidt. „Das ist ein Pelztier. Mit Flecken.”

Sie hatte sich das ausgedacht und konnte sich eigentlich auch nicht vorstellen, dass Margarethe Pelze trug. Die lebte umweltbewusst, so wie die Frauen in dieser Gegend eben umweltbewusst lebten. Eier von glücklichen Hühnern, Hafermilch, handsortierter Biomüll, in den nicht mal die Tüten gehörten, auf denen stand, dass sie kompostierbar waren. Rebecca hatte sie mal darauf aufmerksam gemacht, unten an den Tonnen hatte sie ihr einen kleinen Vortrag über Maschen der vermeintlichen Bio-Industrie gehalten, mitten im Winter, es war eisekalt, aber Rebecca konnte nicht aufhören zu reden, über Schweinezucht, Verbrennungsanlagen, den Regenwald undsoweiter. Margarethe studierte die Öko-Siegel auf den Lebensmittelpackungen wie wertvolle Briefmarken. Ozelot klang einfach gut. Frau Schmidt hatte den Namen immer gemocht und nie Gelegenheit gehabt, ihn auszusprechen. Ozelot. Ozelot. Ozelot.

In dem Ladenbüro im Erdgeschoss redete eine junge Frau mit Kopfhörern auf einen großen Bildschirm ein. Sie lächelte den Bildschirm an. Sie saß ganz allein in dem weißen Büro, hinterm Bildschirm standen zwei Scheinwerfer, die die Einsamkeit ausleuchteten. Frau Schmidt sah einen Moment in das Schaufenster und beobachtete die junge Frau wie eine Jahrmarktsattraktion. Als Frau Schmidt ein Kind gewesen war, hatte es hier einen Obstladen gegeben, „Kolonialwaren” hatte überm Schaufenster gestanden, damals schon verwittert. Die neuen Ladenbetreiber hatten die Schrift renoviert. Vor dreißig Jahren wäre es wohl nicht möglich gewesen, ein Geschäft so zu nennen. Inzwischen war der Name so unvorstellbar, dass er als Kommentar funktionierte. Als ironische Losung.

Am Haus gegenüber, einem neugebauten Holzwürfel, den sie in eine Bombenlücke gesetzt hatten, hingen große, selbst bemalte Banner, auf denen sich die Bewohner mit den ermordeten schwarzen Amerikanern solidarisierten. Alles sehr seltsam und weit weg, dachte Frau Schmidt.

Die Frau strahlte regelrecht in den Bildschirm. Ein großes Schaufenster, aber sie sah die Welt nicht. Frau Schmidt hatte keine Ahnung, was dort drinnen eigentlich hergestellt wurde. Zu Ostzeiten hatten sie hier einen Altstoffhandel betrieben. Es hatte immer ein bisschen säuerlich-feucht gerochen, schwer, sich das zurückzuwünschen.

Sie öffnete die Briefkasten der Abwesenden. Nur Louisa und Bert aus dem Penthaus hatten zwei Briefe, die nach Amt aussahen, sie selbst fand eine Osterkarte von Petra aus Esslingen. Ein rosa Hase mit einer Sprechblase, in der stand: Hattu Herz? Sie sah auf die Karte ihrer Tochter und war froh, allein zu sein. Der Rest der Kasten war leer. Niemand las mehr Zeitung. Frau Schmidt dachte an das Wort „Osterruhe”, das sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal gehört hatte. In den Nachrichten. Ein Wort der Kanzlerin, das nur so klang, als wurde es das schon ewig geben. Sie fragte sich, ob Rita Siissmuth noch lebte. Es gab Leute, von denen sie das nicht wusste. Sophia Loren, Dieter Thomas Heck, Johanna von Koczian, die Trainerin von Katarina Witt, Frau Müller, der deutsche Papst. Untote, wie sie selbst. Brigitte Bardot lebte noch, bestimmt. Die Bardot. Die war eine Orientierung für sie, ein Trost. Die Bardot war drei Jahre älter als sie.

Frau Schmidt fuhr mit dem Fahrstuhl gleich ins Dach, um nach dem Rechten zu sehen. Sie begann die Tour von oben. Runter nahm sie die Treppen.

Sie war das Schlossgespenst. Sie leerte ihre Postkästen, am Anfang des Winters hatte sie das Wasser für die Terrassen abgestellt und Mitte März wieder angestellt, sie ließ die Fußbodenheizung auf kleiner Flamme simmern und brachte ihre Pflanzen durch die schwere Zeit.

Sie legte die Post auf den Sekretär und ging nach den Palmen schauen.

Sie las ihre Karte in der Orangerie, so hieß der gläserne Raum, den sie zwischen den Ost-und den Westflügel ihrer Wohnung hatten bauen lassen. Louisa nannte das wirklich so, Flügel, so als hätten sie sich ein Schloss auf das alte Prenzlauer Berger Mietshaus bauen lassen. Sie saßen die Seuche in Kalifornien aus, wo die Orangen auch unter freiem Himmel wuchsen. Bert war Amerikaner. Louisa hatte in den letzten Jahren geschworen, Amerika nie wieder zu bereisen, wegen Trump und der Umwelt. Manchmal stand Frau Schmidt mit einem schweren Einkaufsbeutel im Hausflur und hörte sich nicht endende Berichte über den Weltgendarmen USA an, ein untergehendes Reich, wie das Römische. Nach einem Buick auf die Impfstatistik hatte Louisa dann sofort Flüge gebucht. Berlin-Frankfurt-San Francisco. Sie lebten jetzt vorübergehend in einem Strandhaus im Norden Kaliforniens. Fast schon in Oregon, hatte sie am Telefon gesagt, und Frau Schmidt hatte den Eindruck gehabt, dass ihr das irgendwas sagen sollte. Oregon. Sie hatte keine Vorstellung, wofür das stand.

Sie zupfte ein paar Blätter von den Olivenbäumen und bestäubte die Königin der Nacht, dann setzte sie sich auf die kleine Korbbank und las die Osterkarte ihrer Tochter.

„Liebe Mutti, liebe Omi, frohe, frohe Ostern”, stand da, und es klang sehr fremd.

Petra nannte sie Mutti, Sandra Omi, sie wohnten in Esslingen. Über zwanzig Jahre wohnten sie jetzt schon da. Wir müssen der Arbeit hinterherziehen, hatte Petra gesagt. Es war natürlich Torstens Arbeit gewesen, der sie hinterherziehen mussten. Haare hätte Petra ja auch hier weiterschneiden können. Haare wuchsen überall, selbst im Osten. Torsten war ein Welterklärer, der hatte gewusst, was Kohl wollte, was Schröder vorhatte und der Amerikaner beziehungsweise der Grieche. Irgendwann war Torsten bei Petra ausgezogen, er lebte jetzt bei einer anderen Frau in der Nähe von Dessau, und bestimmt hatte er auch dafür eine Erklärung. Petra war da unten geblieben. Sandra sprach diesen seltsamen Dialekt. Wie Britta von nebenan. Aber die hatte ein anderes Selbstbewusstsein als Sandra, die ein Berliner Gesicht hatte und diesen furchtbaren Dialekt dazu. Das passte nicht zusammen.

Die Leute in der Gegend nannten sie nur Frau Schmidt. Sie hatten sie so kennengelernt. Nicht als Friederike. Bodo hatte sie Frieda genannt, manchmal auch Fritzi, aber das hatte sie nicht gemocht. Er nannte sie so, wenn er gute Laune hatte, und je älter sie wurden, desto mehr empfand sie seine gute Laune als störend. Je besser gelaunt er war, desto schlechter gelaunt war sie, aber gut, Bodo war seit über zwanzig Jahren tot. Ein Vierteljahrhundert vor der Impfung gestorben, dachte Frau Schmidt. Alain Delon lebte noch. Der war auch so ein Stinker geworden, hatte sie gelesen. Romy. Na ja. Die Letzte, die sie Frieda genannt hatte, war Walli gewesen aus der 25, Seitenflügel, Waltraut Reichelt, zwei Jahre tot.

Als sie bei den Sternheims den Wein an der Pergola kontrollierte, den sie im Herbst zurückgeschnitten hatte, nachdem Hermann seiner Frau Margarethe und den Jungs nach Guatemala gefolgt war, sah sie den Jungen im Hofgarten an der Hortensie herumfuhrwerken. Er wohnte seit ein paar Wochen im Seitenflügel, in der Arbeitswohnung von Britta Litzmann, die Frau Schmidt seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Junge war ihr irgendwann vorgestellt worden, ein Student oder Praktikant, sie hatte das vergessen. Sie fummelte ein bisschen an den Weinranken herum, einfach so, sie hatte ja keine Ahnung. Seltsam, wie tot die im Winter aussahen, aber dann doch immer wiederkamen. Da sollte man sich nicht täuschen lassen.

Der junge Mann schien ein paar Ostereier in die Hortensie zu hängen. Sie beugte sich ein bisschen über das Geländer, um besser sehen zu können. Plötzlich hob er den Kopf und sah nach oben, als hätte er ihren Buick gespürt. Sie winkte, ein kleines königliches Winken. Er lächelte. Um irgendetwas zu tun, zog sie die Tür der kleinen Sauna auf, die die Sternheims vor zwei Jahren auf die Terrasse hatten setzen lassen. Sie bauten und bauten, machten dieses und jenes, und als sie fertig waren, verschwanden sie nach Guatemala.

Frau Schmidt betrat den Saunakasten. Er sah unbenutzt aus, roch nach Holz. Sie zog die Tür hinter sich zu und sah durch den kleinen Fensterschlitz hinaus in den bleigrauen Berliner Himmel. Es war ganz gemütlich hier drin, man könnte hier leben. Wahrscheinlich waren die Infektionszahlen in Guatemala niedriger oder die Sternheims dachten, dass sie hier sowieso nichts verpassten. Sie glaubten, Zeit geschenkt zu bekommen. Aber das war nur ein Gedanke. Frau Schmidt dachte ihn morgens um fünf wenn sie wieder zu früh wach wurde. Aber was sollte sie mit der Zeit? Sie hatte keine Hobbys, sie strickte auch nicht.

Frau Schmidt bekam einen Schreck, als sie ihre Wohnung betrat. In Margarethes Mantel. Im Spiegel schien es, als hätte sie sich in dem dunkel tapezierten Flur zwischen den alten Frauenjacken und Mänteln verlaufen. Sie passte hier gar nicht mehr rein in ihren Gedanken. Sie legte die Karte ihrer Tochter zur Post von der Rentenkasse und der Hausverwaltung auf die kleine Anrichte im Flur, die, soweit sie sich erinnerte, einst Bodos Mutter gehört hatte, Clara, Clärchen, die sie nie richtig akzeptiert hatte. Sie mochte eigentlich auch die Kommode nicht. Sie machte auf dem Hacken kehrt und sah dem Mantelschoß zu, der sich elegant mitdrehte. Sie brauchte bessere, passendere Schuhe, dachte Frau Schmidt.

Am Ostersonnabend wachte Frau Schmidt in der Nacht auf. Sie spürte ein Licht unter den Lidern. Es glimmte hinter der Gardine von Louisas Schlafzimmer. Sie schlief jetzt schon die zweite Nacht hier. Sie hatte erst geglaubt, dass sie in fremden Betten nicht gut schlief, aber das war ebenfalls so eine Sache, die sie eben dachte. Die letzte Nacht, die sie nicht in ihrem Bett verbracht hatte, lag zehn Jahre zurück. Damals hatte sie auf der Ausziehcouch in Petras Esslinger Wohnzimmer schlafen müssen. Vorm Fenster die Bahn und nebenan ihre Tochter, der gerade der Mann weggelaufen war.

Es war um halb vier, sie stand auf und sah vorsichtig hinter die Gardine, das Licht kam aus dem Seitenflügel, dort, wo der Junge lebte. Der einzige andere Bewohner im Haus. Sie schaute vorsichtig hinter die Gardine. Sie sah das Zimmer im Seitenflügel, das sie aus ihrer Wohnung nicht sehen konnte, ein Tisch, eine Lampe und im Hintergrund ein Schrank. Und dann, aus dem Nichts, ein Schatten. Wusch. Wieder so, als hätte er ihren Buick gespürt. Unheimlich. Sie zog sich schnell in Louisas Schlafzimmer zurück, legte sich wieder hin und dachte natürlich, dass sie nicht mehr einschlafen konnte. Sie fragte sich noch, ob sie auf Louisas oder auf Berts Seite des Bettes schlief, dann war sie weg. Noch trug sie ihr eigenes Nachthemd.

Am Ostersonntag ging Frau Schmidt runter in den Hof zu dem Jungen, der dort mit einem Buch in der Sonne saß. Er setzte sich sofort eine Maske auf, als er sie kommen sah. Die Maske war schwarz.

„Ich bin bereits geimpft”, sagte sie. Es war befriedigend, diesen Satz auszusprechen. Sie fühlte sich irritierend privilegiert, beinahe überlegen in dieser Gegend, in der sie zuletzt eigentlich kaum wahrgenommen worden war, bestenfalls geduldet.

„Herzlichen Glückwunsch”, sagte der Junge und schien darüber nachzudenken, was das für ihn bedeutete. Dann nahm er die Maske ab. Er hatte ein wenig unreine Haut und war höchstens zwanzig Jahre alt.

„Frohe Ostern”, sagte Frau Schmidt und nickte zu der Hortensie, die mit Eiern behängt war. Es waren billige Plasteeier, sah aber dennoch schön aus, österlich.

„Frohe Ostern”, sagt der Junge. Er hatte einen leichten Dialekt, vielleicht einen Akzent, das R rollte ein wenig. Sie hätte fragen können, woher er kam und was er hier machte, aber sie hatte keine Lust. Sie hatte so viele Geschichten der Ankömmlinge und ihrer Pläne gehört. Das ganze Leben lang eigentlich, sie war ja immer hier gewesen. Die neuen Berliner waren alle weg. Vorübergehend, sagten sie. Aber vielleicht waren sie auch nur vorübergehend hier gewesen. Sie hielt ihr Gesicht in die Sonne, und irgendwann fing der Junge wieder an zu lesen, was ihr gefiel. Es war alles, was sie wollte. Osterruhe. Sie sah sich auf die Schuhe, sie waren von Louisa, die ihre Schuhgröße hatte, 38. Das Kleid war von ihr, die Strickjacke von Margarethe, deren Geschmack ihrem am nächsten kam, soweit sie das einschätzen konnte.

Bevor sie sich zu einem Mittagsschlaf zurückzog, wie sie sich ausdrückte, lud sie den Jungen auf einen Osterdrink ein. Auch das ein Wort, das sie zum ersten Mal im Leben benutzte. Sie entschied sich für Katjas und Toms Wohnung, die ihr, was ihre Herkunft anging, nahe schienen. Katja kam aus Lichtenberg, Tom aus Blankenfelde. Sie waren mit ihren Kindern über die Osterferien nach Brandenburg gefahren, wo sie einen alten Bauernhof besaßen.

Kurz vor Sonnenuntergang stand der Junge mit ein paar Blumen vor der Tür, die

aussahen, als hätte er sie gerade irgendwo ausgerissen.

„Frohe Ostern, Frau …”, sagte er und sah auf das Klingelschild. ,,… Kluge”.

Sie lachte, es war ein Maskenball.

Die erste Flasche Wein trank der Junge fast allein. Er redete von einem Praktikum an einem Berliner Theater, das natürlich nicht spielte, von Stücken, die ihr unbekannt waren, und von seinem Ort in Thüringen, irgendwo am Rennsteig. Sie erinnerte sich vage an einen Gewerkschaftsurlaub mit Bodo, ganz furchtbar, eins dieser engen grauen Schieferhäuser, es hatte die ganze Zeit geregnet. Bodo rauchte, und sie saßen dort eingesperrt in einem winzigen, verrumpelten Zimmer, wie zu Hause, nur eben in Thüringen. Wie schön es doch jetzt war. Sie sah aus dem Fenster und fragte sich, wie sie aussahen von der anderen Straßenseite. Vielleicht erkundigte sich dort drüben in einem der beleuchteten Fenster gerade jemand nach ihrem Vornamen. Sie hieß Friederike. Der Junge drehte sich eine dieser Zigaretten und bot sie ihr an, sie nahm einen Zug und dann noch einen. Sie dachte an die Mutanten, die sich dort draußen bewegten. Vielleicht wurden am Ende nur die alten Frauen überleben, die Ärzte und die Krankenschwestern. Sie würden sich gut um sie kümmern. Es wäre eine neue Welt.

Alle Umfragen würden sich an ihren Interessen orientieren. Es würde wieder Zeitungen geben, Zeitschriften und die große Samstagabendshow. Mit Peter Kraus, sollte der noch leben.

Sie kicherte. Der Junge nickte, als wüsste er, was in ihrem Kopf passierte. Er stand auf, ging an den Plattenschrank und suchte sich eine Schallplatte aus.

„Hat mein Vater auch, die Platte. City. Passt gut”, sagte er und setzte die Nadel in ein Lied. „Hören Sie mal zu. King vom Prenzlauer Berg.

Er stand mitten im Raum und schwang die Arme. Es war nicht ihre Musik, zu laut, sie versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren.

„Und in seinen Gedanken ist er der King vom Prenzlauer Berg”, sang eine heisere Stimme.

„King”, sagte sie, als das Lied vorbei war.

„Das heißt König”, sagte der Junge.

Sie nickte, obwohl es sie sehr ärgerte, dass auch er, so ein junger Kerl, ihr wieder nur die Welt erklären wollte. Ihre Welt. Sie saßen eine Weile so da, sie verlor das Zeitgefühl, irgendwann hörte sie den Schlüssel in der Tür und Stimmen. Katja und Tom hatten offenbar den Osterurlaub abgebrochen. Sie sah die Angst in den Augen des Jungen. Er wollte noch was werden. Er stand auf, rannte. Er würde es nicht schaffen, dachte sie. King! Sie war die Königin vom Prenzlauer Berg. Sie war ganz ruhig.

Die Menschen, verschiedene Menschen regten sich neuerdings darüber auf, dass andere Menschen in ihrem Namen sprachen. Gut. Sie hatte ebenfalls eine Stimme, dachte sie. Die Queen von Berlin.

Ich saß auf der anderen Straßenseite an meinem Schreibtisch und sah zu ihr hinüber. Sah, wie mein Nachbar Tom mit seiner Frau und den Kindern langsam in sein Wohnzimmer zurückkam, und verstand plötzlich, dass Frau Schmidt, Friederike Schmidt, niemanden mehr brauchte, der erklärte, wer sie war. Ich ließ sie in Ruhe.

Bücher: Hermann Hesse

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Mein Freund D. K. schickte mir einen Ausschnitt aus dem Werk des Schriftstellers.

Bücher, Diverses: Patti Smith im Kopf durch Berlin

Fotos, Gestaltung: Jabs

Fotos, Gestaltung: Jabs

Vor meiner Haustür beginnt New Yorker Pop-Ikone einen Spaziergang durch Berlin. Er führt sie dann auch zum in meiner Mittagspause unzählige Male besuchten Dorotheenstädtischen Friedhof.   
Sehr interessant ist es, wenn man hört, wo und weshalb Patti Smith fotografiert.
Nele und Angela Winkler (RambaZamba Theater) erzählen die wunderbare Geschichte. Etwas kompliziert wird das Zuhören, wenn Tochter Nele rezitiert.
Zitat: “Die Gedankenwelt eines Kindes ist wie ein Kuss auf die Stirn, offen und unbefangen. Sie dreht sich wie die Ballerina auf einer mehrstöckigen Geburtstagstorte mit viel Zuckerguss, giftig und süß.”

Bücher: Ein wahres Kleinod: George Saunders “Herzlichen Glückwunsch übrigens”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Untertitel: Ein paar Gedanken zur Güte
 
Ein alter Sack, der die spannendsten Tage seines Lebens schon hinter sich hat, will den Jungen, die das Schönste noch vor sich haben, altersbedingt gewonnene Weisheiten aufzwingen. 
Es handelt sich um eine ungewöhnlich kurze Rede des so klugen und lebenserfahrenen Mannes, die dieser für eine Gruppe von jungen, brillanten Menschen, die gerade ihr Studium beendeten, zum Besten gibt. 
Es beginnt mit einer ewigen Frage: “Was würdest du in deinem Leben anders machen, wenn du heute die Möglichkeit hättest, einen anderen Weg zu gehen?” 
 
Dazu möchte ich anmerken, dass  ich die Antwort: “Also ich würde nichts anders machen” nur selten verstehe. 
Ich weiß nämlich wirklich nicht, ob ich überhaupt etwas noch mal so machen würde, wie damals. Schon als Schüler überlegte ich, wie ich die Mädels aus meiner Klasse auf mich aufmerksam machen könnte. Ich war weder der größte, noch der schönste oder lässigste. Also versuchte ich, die süßen Jungfern zu beeindrucken, indem ich fleißig lernte und den Anschein von Klugheit erweckte. Fazit: Ich galt als Streber. Dann begann ich intensiv zu trainieren, um als guter Sportler zu begeistern. Fazit: Mein Talent entsprach nicht meinem Anspruch. Dann ließ ich die Haare wuchern, um auszusehen wie die Idole aus dem Beat-Club. Fazit: Die flotten Feger aus der Klasse unter mir meinten nur, ich ähnle einem Fußballer von Hansa Rostock und nicht Jim Morrison. Die Namen der angebeteten wunderschönen blonden, schlanken, langbeinigen Zuckerschnuten verschweige ich bis heute. Die Liebe zu meinen guten Freunden blieb hingegen zeitlebens nicht unerwidert. Wobei sie genauso platonisch war, wie die zu den Mädchen.   
 
George Saunders erklärt in seinem kleinen Büchlein auf unglaublich eindrückliche Weise, worauf es im Leben eigentlich ankommt
Es geht schlicht darum, GÜTE zum Mittelpunkt seines Daseins zu machen. Nun ist dieser Begriff in seiner Bedeutung nicht glasklar, vielleicht sogar etwas schwammig. Wenn man Güte als Nächstenliebe begreift, könnte man diesen Lebensplan als christliches Ideal definieren. Aber vielleicht geht es um noch mehr: Ist Güte vielleicht nur friedvolles persönliches Existieren und inneres Wirken? Vielleicht geht man dabei nicht mal aktiv auf andere Menschen, wie bei der Nächstenliebe, zu? Ich habe vor vielen Jahren einen so großherzigen Menschen, eine Diakonisse aus West-Berlin,  kennengelernt, der man nur noch nacheifern wollte – es hat leider nicht vollständig geklappt. 
Jedenfalls fiel ich wenigstens nicht auf dem Gegenentwurf der puren Güte herein. Er besteht wohl  in der anscheinend dominierenden Lebensmaxime: Erfolg im Beruf, materieller Besitz, Selbstverliebtheit und Spaß ohne Unterlass haben. Wobei dieses Streben materiellen Reichtum, das Verreisen und lustige Feiern mitnichten ausschließt. Ganz wichtig: Haltet die Augen offen, lernt Menschen kennen und vor allem: verliebt euch! Aber im Alter werden solche Ideale ohnehin immer unwichtiger. Wenn Kinder den Alltag bereichern, verschieben sich die Wertigkeiten. Ich will nicht mehr Olympiasieger werden – ja, ich kann es gar nicht, konnte es noch nie. Mit dem Alter wird man etwas milder, der Egoismus schwindet zusehends. Man nimmt sich nicht mehr so wichtig. Ob ich noch einen Kalender erarbeite, noch so schöne Ideen umsetze oder in der Alte-Herren-Bezirksklasse ein paar Gegentore verhindern könnte, ist nichts gegen das faszinierte Lächeln eines Enkels beim gemeinsamen Geschichten erzählen. Wenn er sich meiner als ein gütiger, liebevoller Großvater erinnert, ist es mir Lohn genug!    
Ich glaube fest, dass es uns glücklicher machen würde, wenn Güte der erstrebenswerte Mittelpunkt der Menschheit würde. 
Mir ist aber selbstverständlich vollkommen klar, dass das eine totale Utopie ist, reine Träumerei.
 
George Saunders schuf ein wunderbares Stück Literatur. Wer das nicht liest, ist…
 

Zitate: 

“Wir sind es uns schuldig, das Beste aus uns zu machen.”
“Vermeidet alles, was euch klein und gewöhnlich macht. Dieser leuchtende Teil von euch, der über eure Persönlichkeit hinausgeht – nennen wir ihn mal Seele -, kann so hell und klar leuchten wie nichts sonst auf der Welt.”

Bücher, Fussball: Campino: “Hope Street”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

“Es geht um mehr als nur Leben und Tod”
 
Campino schafft es in der Tat, zu erklären, wie die glühende Liebe zu einem Fußballverein funktioniert. Gerade der bewundernswerte, beinharte Fan des FC Liverpool taugt als ein prädestiniertes Beispiel für ein verrücktes Leben eines Anhängers einer Mannschaft, die auch ich sehr verehre. Einem völlig normalen Menschen zu vermitteln, wie ein Fußballfan tickt, ist übrigens ein Ding der Unmöglichkeit. In dieser Erzählung erahnt man nebenher auch, welche Magie dieser wunderschöne Ballsport entwickeln kann. Das verspüre auch ich ab und an​, nein: viel zu oft​
Im Laufe meiner Lebensjahre ist mir der Sänger der Toten Hosen eigentlich noch sympathischer geworden, als er es als uriger Punk schon immer war. 
Mit diesem Buch habe ich aber ein paar Probleme. Mir stockt der Erzählfluss zu oft. Campino streut ununterbrochen nebensächliche Informationen in den Text, die einfach uninteressant sind: Wer was aß und trank, wo saß, was anhatte, wohin blickte…
Lesenswert ist die frühe Familiengeschichte der Freges in Düsseldorf, Metzkausen und Cornwall. Zu viele Details machen diese Berichte aber dann doch etwas langweilig.
Das Reisetagebuch Campinos finde auch nicht gerade spannend. Er berichtet von Filmaufnahmen an den Drehorten von Wim-Wenders-Filmen in Nordamerika, bei denen er Kommentator war, dann schaut er sich in Großstädten wieder die Spiele seines Herzensvereins an, um sogleich wieder nach Europa zurück zu fliegen – nach Frankfurt/M., aber sofort weiter nach Neapel, um dort ein Champions-League-Duell zu besuchen. Seine wohl eher vernünftige Frau ermahnt ihn für solche Aktionen regelmäßig. Und das schlechte Gewissen äußert sich darin, dass Campino doppelte “Kompensationsgebühren” für die Flüge bezahlt. Er glaubt so, ein bisschen zu einem aktiven Umweltschützer zu werden. Man fliegt zu den Spielen und rettet nebenbei die Welt dabei ein bisschen. Mir erscheint es dekadent, dass man in einer Arbeitspause mal eben von was weiß ich wo nach Manchester fliegt (dahin gehen wohl die meisten Flüge von Deutschland nach England), um mit dem Taxi weiter nach Liverpool zu düsen, sich dort das Spiel ansieht, dann auf Einladung des Vereins oder des Teammanagers Klopp sich auf der eventuellen Siegesfeier in intimen Rahmen des LFC vergnügt und schließlich mit dem Sohn des Trainers zum Anwesen der Familie Klopp kutschiert, um dort den einen oder anderen Absacker zu nehmen. Des Nachts fährt man in das Hotel am Airport Manchester zurück.     
Die Spielberichte der Saison 2019/20, in der die Elf von Anfield endlich wieder Meister wurde, sind heute nur noch für eingefleischte LFC-Fans von Belang. 
Für die geneigten Fußballliebhaber liefert Campino interessante Interna aus dem Umfeld des LFC, sie kommen bei der Lektüre durchaus  auf ihre Kosten. Er ist doch eng mit der Familie Jürgen Klopps befreundet, ist Kumpel und Trauzeuge Sami Hyypiäs, kennt Markus Babbel, Jerry Jeremies, Peter Crouch, Jerzy Dudek, Didi Hamann und Kalle Riedle gut. 
 
Dennis Scheck hat “Hope Street” in seiner Literatursendung “Druckfrisch” für mich überraschend über den grünen Klee gelobt​. 
Anm.: ​Bei dem Buch stört es mich, dass die für den Schutzumschlag und den Leineneinband verwendete rote Farbe nicht das Rot des LFC ist, sondern eher ein Orange. 
PS: Ich würde Campino gern die Frage stellen: Ist es nicht viel leichter ein Buch zu schreiben, wenn man nicht vom erfolgreichen Verkauf desselben abhängig ist? Er ist da sicher kein allzu großes Risiko eingegangen, da er finanziell bestimmt nicht darauf angewiesen ist. Zumal er davon ausgehen kann, dass die Toten-Hosen-Fans diesem Lietaturversuch garantiert wohlwollend entgegenkommen.       
 
 
Die Toten Hosen (1994): Long way from Liverpool
 
My heart it gets so heavy
by the end of May,
but when it gets to August
you know I’ll feel okay.
I didn’t choose to be born here, 
it’s just a freak of birth,
but before I die here
I wanna kiss that turf. 
 
Cause it’s a long, long way from Liverpool,
where the boys go crazy and the girls are cool, 
and no one sings like the Kop can do. 
We love you. 
 
The bread’s on the table,
the car’s in the drive.
but I don’t wanna stay here,
I just wanna survive. 
I know I’ll never walk alone
and my favourite colour’s red,
as long as I’m so far away
I may as well be dead.
 
 
Zitat Jürgen Klopp auf seiner ersten Pressekonferenz in Anfield: “Es ist nicht wichtig, was die Leute denken, wenn du kommst. Es ist wichtig, was die Leute von dir denken, wenn du gehst.”


 
 
 

Bücher, Musik: “True Faith”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Unser Sportfreund Axel Mewes beherrscht nicht nur die englische Sprache und das geliebte runde Leder…
 

Axel Mewes – Wahrer Glaube 

New Order „True Faith“

(in: Ich liebe Musik Vol. 2, Hrsg. Jörg Hiecke & René Seim)

   Eine Freundin hat mir mal von ihrer Beobachtung erzählt, dass Männer – anders als Frauen – diese eine große Liebe hätten. Die sie bis zum Ende ihrer Tage im Herzen tragen, ganz gleich, was in ihrem Leben passiert. 

 Sie hat recht. Wobei es bei mir und der Musik ein bisschen komplizierter ist. 

 Das erste Kribbeln in den Trommelfellen spürte ich im Alter von 10 Jahren. Meine große Schwester besaß einen Kassettenrekorder; irgendwann öffnete sich ihre Zimmertür, hinter der „Equinoxe” von Jean-Michel Jarre lief. Ein andermal nuschelte Udo Lindenberg durchs Sternholzimitat, „Live Rust” von Neil Young war gerade erschienen, Mark Knopfler zupfte die „Sultans of Swing”. 

 Anfänge des musikalischen Jugendlebens, während samstags nach der Schule Mutter die Fenster zu Lord Knuds „Evergreens à Go Go” vom RIAS Berlin putzte. Was auch irgendwie fetzte, weil die Frau, der ich für den Rest meines Lebens den Satz „Fürs Tanzen hätte ich das Vaterland verraten!” zuschreiben werde, die Gassenhauer lauthals fröhlich mitsang und in meiner Erinnerung samstags IMMER die Sonne schien. Wochenend’ und Sonnenschein. Und Musik. 

 Bis zur großen Liebe sollte es noch ein paar Jahre dauern, denn auch in musikalischer Hinsicht war ich ein Spätentwickler. Durch die Pubertät halfen mir – seit der Jugendweihe unterstützt durch einen eigenen Babett-Rekorder – Nenas erste beiden Platten und ab 1983 Depeche Mode. Ansonsten nahm der Kleinstadtjunge popkulturell alles mit, was die Achtziger zu bieten hatten – mit voller Verachtung für die Machenschaften von Dieter Bohlen und Michael Cretu selbstverständlich! 

 New Wave statt Rock und Blues, Trevor Horn statt Stock Aitken Waterman. 

   Ich war ein artiger Junge, meine Freizeit bestand an fünf Nachmittagen die Woche aus Training, am sechsten aus Bolzen mit Freunden und dem Spiel am Sonntag. Personen bzw. Umstände, gegen die es sich vor 1989 zu revoltieren lohnte, gab es jenseits nervender Lehrer und konditionsbesessener Fußballtrainer für mich wenig. Das bisschen Zeit, das übrig blieb, gehörte der Musik. 

 Dabei wurde allerdings immer klarer, dass diese nur deshalb auf dem zweiten Platz meiner Freizeitaktivitäten gelandet war, weil der Sport keine Nebenbuhlerin duldete. Es gibt nicht viel, was ich im Rückblick auf meine Jugend anders machen würde, wenn ich es könnte. Dass ich zweimal die Woche Training gegen das Erlernen eines Musikinstruments tauschen würde, gehört dazu. 

 Da Schule und Sport zwei völlig unterschiedliche Welten ohne personelle Überschneidungen waren, hatte ich zwar reichlich Klassen- und Mannschaftskameraden, mit denen ich auch gut zurechtkam, aber keine wirklichen Freunde. Ich verbrachte einfach zu wenig freie Zeit mit ihnen. Dasselbe galt für meine Familie, die ich eigentlich nur zu den Mahlzeiten an den Rändern des Tages und die eine Stunde bis zum Schlafengehen sah. 

 Ich vermute, dass die Musik deshalb früh den Platz des besten Freundes und später den der ersten Freundin einnahm. Sie war da, wenn ich sie brauchte. Sie kümmerte sich um mich, sie gab mir Kraft, Anerkennung und Trost, und sie erzählte mir die Geschichten, die mir sonst niemand erzählte. 

 Sie war die Erste, für die ich etwas Besonderes empfand. 

 Depeche Mode raubten mir die musikalische Unschuld und ließen mich dann zehn Jahre nicht los, obwohl es nach dem ersten Rausch eine Menge neuer Beziehungen gab. Heute schaue ich mit wohlwollender Gleichgültigkeit auf die hyperventilierenden DeMo-Aficionados, die der Band auch im fortgeschrittenen Alter noch auf Ihren Europa-Gigs hinterherfahren. 

 Ich höre in neue Alben gern mal rein, aber wenn ich mal ein paar Minuten für Musik habe, bleibe ich beim Scrollen durch meine Phonothek selten bei ihnen hängen. 

 Zum Spätentwickler passte, dass ich bereits 16 war, als ich zum ersten Mal eine öffentliche Disko betrat. Es war die Zeit der sehr bunt bemalten Mädchen mit sehr hochtoupierten Haaren und der Jungs in Schiedsrichterhemden mit schwarzen Lederkrawatten. Berlin war nicht weit weg, im Club liefen „Our Darkness”, „Fade To Grey” und „Tainted Love”. 

 Und: „Blue Monday”. 

 Der Song bedeutete mir nichts. Neil Tennant von den Pet Shop Boys hat mal von seinem Erweckungsmoment beim Hören des Stückes gesprochen und wie sehr dieser elektronische „Umpta-Umpta, Umpta-Umpta, Umpta-Umpta” Rhythmus das gewesen sei, was sein Mitstreiter Chris Lowe und er immer hatten machen wollen. Mich ließ der harte, leere elektronische Sound sprichwörtlich kühl. Kein Gefühl. Das unnahbare schöne Mädchen an der Bar, von der du spürst, dass sie eine Nummer zu groß für dich ist. 

 Die coolen Jungs in meinem Freundeskreis wussten damals schon, dass New Order, die hinter „Blue Monday” steckten, aus der Asche einer musikalisch deutlich anderen Band entstanden waren. Das machte mich neugierig auf Joy Division, zu denen ich allerdings erst Zugang fand, als die Zeit für den Austausch tief enttäuschter Blicke auf dem Betriebsberufsschulhof gekommen war. 

 Da Traurigsein und Singen für einen grundsätzlich optimistischen Heranwachsenden auf Dauer doch zu anstrengend sind, war es irgendwann dann auch mal gut mit der Depression. Es dauerte zwar noch Jahre, bis sich auf meinen Mixed Tapes fröhliche Songs fanden, aber vielleicht habe ich den verletzungsfreien Abschied von „Unknown Pleasures”, „Floodland” und „Disintegration” nicht zuletzt New Order zu verdanken, die sich nach dem traurigen Ende von Joy Division mit den Jahren häuteten und sich in meinen konfusen, aber letztlich doch lebensbejahenden Zeiten als junger Erwachsener in mein musikalisches Herz spielten. 

 Das Verliebtsein war in vollem Gange, wechselnde Beziehungen im Albumveröffentlichungstakt: Vorfreude, Jubel, Enttäuschung und die nächste bitte. Von der einen großen Liebe keine Spur – und doch kamen sie beide am Ende dann noch zusammen. 

 Als die mit den grünen Augen mich verließ, gab sie mir zum Abschied die Compilation „Heart and Soul” in die Hand, die sie sich gekauft hatte, weil wir an zwei verschiedenen Orten lebten. „Es sei die Deine”, sagte sie und brach mir das Herz. 

 Es gibt natürlich kaum bessere Musik, um sich in seinem Unglück zu suhlen als Joy Division, aber als ich den Kopf so langsam aus der Schlinge bekam, wurde es allmählich hell. Ich behaupte mal, dass dies 1994 der Auslöser dafür war, dass ich etwas zurückspulte und mich an New Order erinnerte. Ich hatte die frühen Platten gehört aber Schwierigkeiten mit der Metamorphose von Joy Divisions Düsterkeit zur Disko-Mucke ihrer Nachfolgeband. Als 1987 „Substance” erschien, stand mir der Sinn einfach noch nicht nach Tanzen. Die richtige Band zur falschen Zeit. Allerdings waren mir der Elektroniksound, Peter Hooks Bass und der eher dünne und vielleicht gerade deshalb unverwechselbare Gesang von Bernard Sumner in Erinnerung geblieben. Und ich wurde langsam erwachsen – Disko ging und selbst Lachen auf der Tanzfläche war erlaubt. 

 Mit siebenjähriger Verspätung hörte ich mir „Substance” schön und irgendwann blieb ich immer wieder beim letzten Song der ersten CD hängen. Wie bei einer Menge anderer Bands, deren größte Erfolge selten auch meine Lieblingssongs sind, ging und geht es mir mit New Order. „Blue Monday” finde ich mittlerweile OK aber sollte ich noch einmal in die Lage geraten, mir bei einem DJ einen Song zu wünschen, dann wird dies derselbe sein wie jener, auf den ich mich schon Wochen vor den raren Konzerten der Band freue: „True Faith”. 

 Es ist mein Lied, es ist perfekt. 

 Es ist Pop und Indie. 

 Es ist tanzbar, ohne Funk oder R&B zu sein. 

 Es ist ein Song, der die Dunkelheit Joy Divisions noch in sich trägt, aber auch die Aussicht auf bessere Zeiten. 

 Es ist das gelobte England fern hinter dem Eisernen Vorhang, es ist Manchester in den Achtzigern.  Es hatte die besten, fettesten Synthesizer, als ich noch Synthesizern hinterhergestiegen bin. 

 Es hat die Hook Line. (Auch wenn der Peter leider Fan des völlig falschen Fußballvereins ist!) 

 Es hat ein Video, das ein Kunstwerk seiner Zeit war. 

 Es hat eines der schönsten Plattencover aller Zeiten. 

 Es hat die beste aller New Order B-Seiten. 

 Es hat einen Text, der mit Drogen zu tun hat, aber nicht von ihnen handelt. Die erste Halbstrophe reicht mir, um mich an miesen Tagen von übler Laune zu befreien: 

I feel so extraordinary 

Something’s got a hold on me 

I get this feeling I’m in motion 

A sudden sense of liberty 

Und wie oft habe ich in Momenten, in denen lang gehegte Hoffnungen in Erfüllung gingen oder große Anstrengungen belohnt wurden, unwillkürlich lächelnd 

I used to think that the day would never come 

I’d see delight in the shade of the morning sun 

vor mich hingesummt. 

 Es macht mich sentimental, aber es hängt mir noch immer nicht zum Halse raus. Es erinnert mich. Es ist mit mir älter geworden und ich liebe seine Falten. Es ist meins. 

 Es ist Liebe. Die eine – für immer. True Faith.

Bücher: Sehnsucht

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh’ ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!

Johann Wolfgang von Goethe

Bücher: Andrea Petkovic: “Wenn ein Tag nicht 28 Stunden hat, ist es dann noch ein Tag?”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Klar, erscheinen schöne Mädels ganz besonders sympathisch, wenn sie sprachgewandt und auch noch sportlich sind. Kommt noch Intelligenz dazu… 
In diesem insgesamt sehr professionell und außerordentlich selbstbewusst erscheinendem  Interview Andrea Petkovics gibt die Frau auf angenehme Weise Fehler und Unzulänglichkeiten zu. Außerdem bemerkt sie, dass sie sich im Verlauf des Gesprächs mitunter widerspricht. Sowas zeugt einfach davon, dass diese Tennisspielerin sehr reflektiert spricht. Das ganze Interview kann man als Hochgenuss anhören.
(Und ich erinnere mich, dass sie vor einiger Zeit mit dem schwerkranken, inzwischen verstorbenen Darmstadt 98-Edelfan Johnny Heimes (“Du musst kämpfen”) befreundet war.)
Zitate A. Petkovic:
“Ich muss andere Wege finden, um zufrieden, um glücklich zu sein… Jetzt bin ich soweit zu sagen, ich kann im Prozess selbst Glück finden und ich kann in einem Spiel, das ich verliere, Zufriedenheit finden… Oder ist es schlicht und ergreifend der Körper, der mich im Stich lässt?… Jetzt habe ich den ​G​eist, der mich weit bringen könnte, aber mein Körper lässt mich im Stich. Das ist, was ich meine: Gott hat Humor.”
“Ich bin in dieser privilegierten Situation, weil ich eben irgendwie dazu gehöre. Und es ist so frustrierend, weil andere vielleicht genauso talentiert oder vielleicht mehr talentiert sind als ich. Und dann besitzen sie eben nicht dieses Netzwerk wie ich. Nicht dieses Privilegiert​s​ein, nicht die Möglichkeiten, nicht nur die finanziellen, sondern alles, was dieser Rattenschwanz, der damit einhergeht, bedeutet.” 
“Das ist natürlich auch wahnsinnig arrogant. Das Einzige, das ich zu meiner Verteidigung sagen kann ist, dass ich mir alles sehr hart erarbeitet habe, was ja auch jeder sagt.”
 
Die Fau spielt hervorragend Tennis, hat ein Buch geschrieben, moderiert im ZDF auch die Sportreportage und war Gast im Literarischen Quartett (https://www.zdf.de/kultur/das-literarische-quartett/petkovic-zu-delillo-ltq-100.html).