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Bücher: Arno Geiger: “Der Hahnenschrei”

Foto: Jabs

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In diesem kleinen und schmalen Buch kann man drei Reden des Erfolgsautors und zwei Laudationen zu Geigers Preisverleihungen nachlesen.

Aus den Reden:
“Auch Wörter sind Vergangenheit, an die wir uns erinnern. Wörter sind von denen ererbt, die vor uns gelebt haben. Wenn man die Wörter vergisst, vergisst man die Vergangenheit. Wenn alle Wörter vergessen wären, bliebe nicht viel.”
“Ich glaube, ich wusste schon damals, dass manchmal nur gewinnen kann, wer das Spiel rechtzeitig aufgibt.”
“Wer zu lange sitzen bleibt, setzt sich fest, und wer sich festsetzt, wird versessen. Wer von seiner Versessenheit nicht loskommt, wird zum Besessenen.”
“Alles, was perfekt ist, lebt nicht, ist Ergebnis statt Ereignis, ist Zustand statt Vorgang.”
“Das größte Lob für ein Kunstwerk: Lebendig!”
“Scham ist die Trauer über die eigene Unvollkommenheit.”
“Alles Nach-Denken ist Vor-Sorge.”

Bücher, Fotografie: Harald Hauswald

Foto: Harald Hauswald

Foto: Harald Hauswald

“An der Elbe 1984″  ist für mich das schönste Foto aus Harald Hauswald – Jutta Voigt: “Auferstanden aus Ruinen – Deutschland Ost: Fotos aus vier Jahrzehnten”.

Bücher: WOLFGANG HERRNDORF: „Stimmen“ (Texte, die bleiben sollten)

Foto: Jabs

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Jürgen Kuttner ist ein hervorragender Trotzkist, Radiomoderator, Journalist. Der einzige Ostler, der sich nach ’89 in den kapitalistischen Apparat einklinken und eine Musterkarriere hinlegen konnte, ohne umfallerisch zu wirken. Ich begegnete ihm noch in der DDR, das fiel mir wieder ein, als er vor kurzem bei Biolek und Harald Schmidt saß. Seine Radiosendung habe ich nie gehört, laut Biolek ist sie «Kult». Dort werde stundenlang über Abseitiges philosophiert: ob das Fleisch der Rinder, das unter den schwarzen Fellflecken liegt, nachher anders schmeckt als das unter den weißen und so weiter. Jedenfalls behauptete Bio, dass Kuttner sich solche Themen ausdenkt, aber das bezweifle ich, denn ich habe Kuttner als einen ganz anderen Menschen kennengelernt, als großartigen Kämpfer und Helden der Sittlichkeit. Das mit dem Fell der Kühe ist ja, ehrlich gesagt, eher dumm. 

 

 Es war Januar oder Februar ’90, als ich mit meiner Freundin nach Ostberlin fuhr. Sie wollte auf ein internationales Treffen sozialistischer Arbeiterblaskapellen. Meine Freundin kam aus Köln, war Kommunistin (wie alle damals) und spielte Saxophon. Die Kapellen hießen «Bertolt Blech», «Bläservativ», «Blechreiz». Es war verboten, Bands zu gründen ohne solche Namen. 

 «Irgendwas dabei?», fragte der Grenzer bei der Einreise. «Nein», sagte ich und wurde gefilzt. Der Grenzer war höchstens zwanzig Jahre alt und hatte mit untrüglichem Instinkt sofort den Klassenfeind in mir gewittert, schlimmer noch, den unpolitischen Querulanten, der ein Leben voller Glück und Streuselkuchen führte, während er, der Grenzer, nichts gehabt hatte, nur Hunger, Not und selbstgebastelte Gasmasken im Wehrsportunterricht, unter denen er jedes Mal fast erstickt war. Und da wollte er es dem Westschwein jetzt mal so richtig besorgen, dem die Schikane reinhauen, mal zeigen, was stärker ist: Gasmaske oder Streuselkuchen. Aber das war ein Fehler. Ich finde nichts begehrenswerter als dieses Schikaniertwerden. Weshalb hätte ich sonst in die DDR einreisen sollen? Streuselkuchen gab es nicht in der DDR, manchmal hatten sie gar nichts zu essen, und auch sonst war alles eine stinkende, graue Wüste, da hätte sich der Ostler eigentlich denken können, dass ich wegen etwas anderem da sein musste, wegen der Schikane nämlich, aber so weit konnte der immer nicht denken. 

 Ich wurde also in eine Baracke geführt. Der Uniformierte durchsuchte als Erstes eine Schachtel mit hundert Stiften, die ich dabeihatte. Er öffnete jeden Filzstift einzeln, um nachzuschauen, ob ich Albert Speers gesammelte Werke in den Kappen verborgen hatte. Hatte ich aber nicht. Dann zog er ein Kondom aus meinem Kulturbeutel. «Das ist ein Kondom», sagte ich, um die Lage zu entspannen. «Ich weiß», sagte er, und so ging es endlos weiter. Stunden später kam ich mit meiner Freundin in einem Ostberliner Jugendzentrum an, wo die Musik gemacht werden sollte. Es war alles wahnsinnig verranzt, unter der Decke hingen tropfig lackierte Metallgitter. «Sechziger Jahre», sagte ich anerkennend. «Letztes Jahr gebaut», sagten die Gastgeber und sahen mich mit ihren großen, traurigen Zonenaugen an. Wir befanden uns am modernsten Ort der östlichen Hemisphäre. Abends gab es Blasmusik im Jugendclub, ausschließlich Revolutionslieder. Am nächsten Tag marschierten die meisten Bands durch Ostberlin. Die Kapelle meiner Freundin auch, ich lief bloß unmusikalisch hinterher, im Stechschritt über den Alexanderplatz. Es wurden Parolen gerufen, das ganze Blasfestival stand ja irgendwie der Bohley-Bürgerrechtssache nahe. Meine Freundin und alle anderen schrien den Ostlern immer zu, sie sollten ihren eigenen Weg zum Sozialismus finden, Wiedervereinigung NEIN, Kohl NEIN! usw. Die Vopos guckten griesgrämig, das war ja alles nicht angemeldet, aber sie trauten sich im Januar bereits nicht mehr, alle einfach zu erschießen, die Rechtslage war unsicher geworden. Ich war der Einzige auf der ganzen Veranstaltung, der nichts gegen eine Wiedervereinigung hatte, warum, weiß ich auch nicht mehr. Ich hatte einfach nichts dagegen, ich fand diesen ganzen Staat reizend und wollte gern mit ihm vereinigt werden, also wieder nur Querulantentum, nichts Politisches. 

 

 Am zweiten Abend trat eine Band namens Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot auf. Die Band hatte einen Conferencier, der zwischen den Stücken eine Art Kabarett machte: Jürgen Kuttner. Ich weiß nicht mehr, wie meine Einstellung zum Kabarett war, ich glaube, schon damals eher schlecht, Hans Scheibner hatte ich zuletzt mit zwölf zugejubelt. Aber diesen Ost-Intellektuellen fand ich lustig. Kuttner machte Anspielungen auf die DDR, veralberte Honeckers Cordhütchen, aber am meisten gelacht und geklatscht wurde natürlich, wenn er so was sagte wie: dass ja auch im Westen nicht alles so toll wäre. Dann schrien die anwesenden Westdeutschen vor Begeisterung und konnten gar nicht mehr an sich halten, und die Zonis machten nachdenkliche Gesichter. Kuttner war furchtlos, er hatte keine Angst vor den Stehzellen, er sah aus, als hätte er sein halbes Leben in einer verbracht. Klein und grau, gefolterte Ringe um die Augen, er hatte Philosophie studiert, alle Herzen flogen ihm zu. Auch meins. Es bahnte sich sogar eine leicht homoerotische Versessenheit an bei mir, ich erkannte die Führerfigur in ihm, die Verkörperung all dessen, was ich immer sein wollte und nie konnte, Thälmann, Jesus und Che Guevara. Das Gebläse zwischendurch war nur noch störend, ich wollte Kuttners Reden hören, keine Revolutionsmusik. Aber auch während der «Musik» zeigte Che, was er draufhatte: Er setzte eine Sonnenbrille mit Lauflicht aus roten Leuchtdioden auf, die er am Ku’damm gekauft hatte, ein ungeheuer ironisches Bekenntnis zum Kapitalismus. Das hat damals kein anderer so auf den Punkt gebracht, sein Begrüßungsgeld mit derartiger Würde zu verprassen. Auch nach dem Auftritt war Kuttner umlagert, versprühte geistreiche Bemerkungen, ich fühlte mich arm und winzig dagegen, ich drang nicht zu ihm durch, ich redete in Gesellschaft kein Wort mehr, so sehr schämte ich mich für meine plötzlich erkannte Unwichtigkeit, meine Freundin musste mich in den Arm nehmen. Zwischendurch fuhren wir immer mal rüber in den Westen, um den Kulturschock zu genießen. Ich weiß nicht mehr genau, wo das Ganze eigentlich stattfand, ich erinnere mich nur noch an die Chausseestraße. Unser Westgeld versteckten wir immer in den Socken, wenn wir über die Grenze gingen. Einmal saßen wir in dem Jugendclub und pulten gerade wieder das Geld aus den Socken, als hinter uns jemand rief: «Hab ich euch erwischt! Ich bin nämlich von der STASI!» Das war Kuttner. Ich lachte wie ein verliebtes Schulmädchen. 

 

 Einige Jahre später, als man die DDR und das alles längst wieder vergessen hatte, las ich noch einmal in der Zeitung von Kuttner. Er hatte alle seine Ämter niedergelegt, nachdem sich rausgestellt hatte, dass er bei der Stasi gewesen war. Mittlerweile ist Gras über die Sache gewachsen, alles läuft wieder in geordneten Bahnen, sowohl bei ihm als auch bei mir. 

(Beitrag veröffentlicht am 14.09.2002 im Internetforum Wir höflichen Paparazzi“)

Ich habe ja als Charaktereigenschaft, dass ich Berlin-Mitte nie verlasse, außer einmal im Jahr mit dem ICE Richtung Hamburg. Deshalb gestern der Entschluss, eine Party, zu der ich in Rahnsdorf eingeladen war, mit dem Fahrrad zu erledigen. Karte brauchte ich nicht. Maßstab 1:500000 ist was für narkoleptische Bachmannpreisträger, der Profi kommt ohne aus. Den Weg also kurz eingeprägt: Bis zur Stralauer und dann etwa 25 Kilometer immer am Bahndamm entlang. Kein Problem.   

 Herrlicher Sonnenschein, und mit Rainald-Goetz-Irrsinn im Gesicht durch unbekannte Randbezirke: Wie hinter Treptow die Stadt abbröckelt und sich verlangsamt! Wie anders die Leute auf einmal! Dann Ziegelsteinmauern, warmer Stahlgeruch und die ersten Brombeerhecken. Rechts vor mir immer der Bahndamm. Das Kindergefühl von von Disteln zerrissenen Füßen, hilflose Lenkbewegungen im märkischen Treibsand und eine gespensterhafte Häuserruine im Wald, schließlich leichter Meeresgeruch, der Müggelsee. 

 Baden gegangen: zweihundert Meter ins Wasser gewatet, bis es hüfttief war. Fast keine Leute, kein Kindergeschrei, Stille. Ocker und blau liegt das Strandbad da. Hier habe ich zum ersten Mal Tex getroffen, Betty in ihrem hartschaligen Bikini, Wrobel verirrt am FKK-Strand. Y. Schmidt las einen Artikel aus dem SPIEGEL vor, und es war lustig, weil Y. Schmidt ihn vorlas. War das fünf Jahre her? Seitdem alles ruhiger, einige Kinder geboren, keine Toten bisher. 

Rahnsdorf war nicht mehr weit. Ich aß und betrank mich auf der Party und machte mich gegen eins auf den Rückweg. Das schien mir eine gute Zeit, für den Hinweg hatte ich mit Unterbrechungen drei Stunden gebraucht. Mir war klar, dass ich denselben Weg zurück (und im Dunkeln den Bahndamm) nicht finden würde, aber das war auch nicht notwendig. Rahnsdorf von Berlin aus anzupeilen, ist eine chirurgische Meisterleistung, Berlin von Rahnsdorf aus ist wie mit der Stricknadel in eine Tüte Marshmallows piksen. Was ich brauchte, war nur die Himmelsrichtung. Kurz geguckt auf der Fürstenwalder Allee: zwischen Arktur und der Deichsel des Großen Wagens immer mitten hindurch. 

 Die Nachtluft war herrlich, und dann kam der Wald. Die großen beleuchteten Straßen wurden schlecht beleuchtete Betonplatten, die Betonplatten wurden Schotter, der Schotter wurde schmal, und dann kam das Gestrüpp, die Dunkelheit und ein Problem, an das ich mich nicht mal aus meiner Jugend erinnern konnte: Wenn man Fahrrad fährt, leuchtet das Licht. Wenn man nicht fährt, leuchtet es nicht. Und wenn man langsam fährt, sieht man etwa anderthalb Meter weit, und das ist in völlig unbekanntem Gelände nicht weit genug, um Bäumen auszuweichen. Also ich mit Maximalgeschwindigkeit rein in den Wald, geradezu fluchtartig, und der Kausalzusammenhang zwischen Flucht und Angst ist bekanntlich umkehrbar. Rechts und links von mir sah ich Wege in die Finsternis abzweigen, ich schlenkerte wild mit dem Lenker, um die richtige — breitere — Abzweigung zu nehmen, justierte währenddessen mit der Hand die Fahrradlampe auf die passende Entfernung und landete auf immer schmaler werdenden Trampelpfaden. Ich erwog, umzukehren und einen anderen Weg zu versuchen, aber den Gedanken gab ich sofort auf, als eine Baumwurzel mich zum Stehen brachte und es zum ersten Mal finster wurde. Und mit finster meine ich: finster. 

 Ich horchte auf Tiergeräusche. Die Nacht war sternenklar, aber der Himmel von hohen Baumkronen verdeckt (Deichsel des Großen Wagens, haha). Umkehren und im spitzen Winkel in andere Abzweigungen einzufädeln war utopisch, ich hatte schon Schwierigkeiten, überhaupt wieder aufs Rad zu kommen. Ich schob also den Vorderreifen wie einen Rasenmäher hierhin und dorthin, wo war der Weg? Da schimmerte ein Baum, da schimmerte gar nichts, und ah, dort war wohl der Weg! Dann mit Gottvertrauen in die Pedale und ins nächste Gestrüpp gefallen. Vollkommene Schwärze, und ich hatte wirklich ANGST. 

 Natürlich gefiel mir das auch — wann hat man schon mal Angst? Aber gleichzeitig riss ich in unziemlicher Panik das Fahrrad hoch, versuchte es blind und traf diesmal den Weg. Mit erneut Höchstgeschwindigkeit dann wieder zwischen Bäumen hindurch und über Gruben hinweg und durch blutiges Gestrüpp, an verwunderten Braunbären, Dieben und Wölfen vorbei. Dass ich schließlich noch vor Sonnenaufgang auf welchen Umwegen auch immer nach Hause kam, entnehme man diesem Bericht. 

(Wir höflichen Paparazzi 30.07.2006)

Bücher: Hermann Hesse: “Wer lieben kann, ist glücklich”

Foto: Jabs

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Glück ist Liebe, nichts anderes.

“Je älter ich wurde und je schaler die kleinen Befriedigungen mir schmeckten, die ich in meinem Leben fand, desto mehr wurde mir klar, wo ich die Quelle der Freuden und des Lebens suchen müsse. Ich erfuhr, dass Geliebtwerden nichts ist, Lieben aber alles, und mehr und mehr meinte ich zu sehen, dass das, was unser Dasein wertvoll und lustvoll macht, nichts anderes ist als unser Fühlen und Empfinden. Wo irgend ich etwas auf Erden sah, das man “Glück” nennen konnte, da bestand es aus Empfindungen. Geld war nichts, Macht war nichts. Man sah viele, die beides hatten und elend waren. Schönheit war nichts, man sah schöne Männer und Weiber, die bei aller Schönheit elend waren. Auch die Gesundheit wog nicht schwer; jeder war so gesund als er sich fühlte, mancher Kranke blühte bis kurz vor dem Ende vor Lebenslust, und mancher Gesunde welkte angstvoll in Furcht vor Leiden hin. Glück aber war überall da, wo ein Mensch starke Gefühle hatte und ihnen lebte, sie nicht vertrieb und vergewaltigte, sondern pflegte und genoss. Schönheit beglückte nicht den, der sie besaß, sondern den, der sie lieben und anbeten konnte.

Es gab vielerlei Gefühle, scheinbar, aber im Grunde waren sie eins. Man kann alles Gefühl Willen nennen, oder wie immer. Ich nenne es Liebe. Glück ist Liebe, nicht anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. Jede Bewegung unserer Seele, in der sie sich selber empfindet und ihr Leben spürt, ist Liebe. Glücklich ist also der, der viel zu lieben vermag. Lieben aber und Begehren ist nicht ganz dasselbe. Liebe ist weise gewordene Begierde; Liebe will nicht haben; sie will nur lieben. Darum war auch der Philosoph glücklich, der seine Liebe zur Welt in einem Netz von Gedanken wiegte, der immer und immer neu die Welt mit seinem Liebesnetz umspann. Aber ich war kein Philosoph.

Auf den Wegen der Moral und Tugend aber war für mich auch kein Glück zu holen. Da ich wusste, glücklich machen kann nur die Tugend, die ich in mir selbst empfinde, in mir selbst erfinde und hege – wie konnte ich da irgendeine fremde Tugend mir aneignen wollen! Aber das sah ich: das Gebot der Liebe, einerlei ob es von Jesus oder von Goethe gelehrt wurde, dies Gebot wurde von der Welt völlig missverstanden! Es war überhaupt kein Gebot. Es gibt überhaupt keine Gebote. Gebote sind Wahrheiten, wie der Erkennende sie dem Nichterkennenden mitteilt, wie der Nichterkennende sie auffasst und empfindet. Gebote sind irrtümlich aufgefasste Wahrheiten. Der Grund aller Weisheit ist: Glück kommt nur durch Liebe. Sage ich nun “Liebe deinen Nächsten!”, so ist das schon eine verfälschte Lehre. Es wäre vielleicht viel richtiger zu sagen: “Liebe dich selbst so wie deinen Nächsten!” Und es war vielleicht der Urfehler, dass man immer beim Nächsten anfangen wollte …

Jedenfalls: das Innerste in uns begehrt Glück, begehrt einen wohltuenden Zusammenklang mit dem, was außer uns ist. Dieser Klang wird gestört, sobald unser Verhältnis zu irgendeinem Ding ein anderes ist als Liebe. Es gibt keine Pflicht des Liebens, es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins. Dazu allein sind wir auf der Welt. Und mit aller Pflicht und aller Moral und allen Geboten macht man einander selten glücklich, weil man sich selbst damit nicht glücklich macht. Wenn der Mensch “gut” sein kann, so kann er es nur, wenn er glücklich ist, wenn er Harmonie in sich hat. Also wenn er liebt.

Und das Unglück in der Welt, und das Unglück bei mir selber kam also daher, daß das Lieben gestört war. Von hier aus wurden mir die Sprüche aus dem Neuen Testament plötzlich wahr und tief. “So ihr nicht werdet wie die Kinder” – oder “Das Himmelreich ist inwendig in euch”.

Dies war die Lehre, die einzige Lehre der Welt. Dies sagte Jesus, dies sagte Buddha, dies sagte Hegel, jeder in seiner Theologie. Für jeden ist das einzig Wichtige auf der Welt sein eigenes Innerstes – seine Seele – seine Liebesfähigkeit. Ist die in Ordnung, so mag man Hirse oder Kuchen essen, Lumpen oder Juwelen tragen, dann klang die Welt mit der Seele rein zusammen, war gut, war in Ordnung.

… Nichts vermag der Mensch so zu lieben wie sich selbst. Nichts vermag der Mensch so zu fürchten wie sich selbst. So entstand zugleich mit den anderen Mythologien, Geboten und Religionen des primitiven Menschen auch jenes seltsame Übertragungs- und Scheinsystem, nach welchem die Liebe des Einzelnen zu sich selber, auf welcher das Leben ruht, dem Menschen für verboten galt und verheimlicht, verborgen, maskiert werden musste. Einen anderen zu lieben galt für besser, sittlicher, für edler, als sich selbst zu lieben. Und da die Eigenliebe nun doch einmal der Urtrieb war und die Nächstenliebe neben ihr nicht recht gedeihen konnte, erfand man sich eine maskierte, erhöhte, stilisierte Selbstliebe, in Form einer Art von Nächstenliebe auf Gegenseitigkeit. … So wurde die Familie, der Stamm, das Dorf, die Religionsgemeinschaft, das Volk, die Nation zum Heiligtum … Der Mensch, der sich selber zuliebe nicht das kleinste Sittengebot übertreten darf – für die Gemeinschaft, für Volk und Vaterland darf er alles tun , auch das Furchtbarste, und jeder sonst verpönte Trieb wird hier zu Pflicht und Heldentum. So weit war die Menschheit bis jetzt. Vielleicht würden auch die Götzenbilder der Nationen mit der Zeit noch fallen, und in der neu entdeckten Liebe zur ganzen Menschheit käme vielleicht die alte Urlehre wieder neu zum Durchbruch.

Solche Erkenntnisse kommen langsam, man windet sich zu ihnen in Spiralen hinan. Und wenn sie da sind, so ist es, als habe man sie im Sprung, im Nu erreicht. Aber Erkenntnisse sind noch nicht Leben. Sie sind der Weg dazu, und mancher bleibt ewig auf dem Weg.”

 

Bücher: Hermann Hesse: “Über das Alter”

Foto: Jabs

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Ein wundervoller Text Hesses:
AltwerdenAll der Tand, den Jugend schätzt,

Auch von mir ward er verehrt,
Locken, Schlipse, Helm und Schwert,
Und die Weiblein nicht zuletzt.Aber nun erst seh ich klar,
Da für mich, den alten Knaben,

Nichts von allem mehr zu haben.
Aber nun erst seh ich klar,
Wie dies Streben weise war.Zwar vergehen Band und Locken

Und der ganze Zauber bald;
Aber was ich sonst gewonnen,
Weisheit, Tugend, warme Socken,
Ach, auch das ist bald zerronnen,
Und auf Erden wird es kalt.Herrlich ist für alte Leute

Ofen und Burgunder rot
Und zuletzt ein sanfter Tod –
Aber später, noch nicht heute!