Category Archives: Bücher

Bücher: Sasa Stanisic: “Fallensteller”

Grafik: Jabs

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Der Beginn des Erzählungsbands verunsicherte mich. Sasa Stanisic schreibt in einer “verschwurbelten” Sprache, die ich nicht richtig verstand und mir missfiel. Die Geschichten waren mir nicht abenteuerlich genug – verglichen mit der Sprachakrobatik in den mit solcher Wonne gelesenen Büchern “Das Fest” und “Wie der Soldat das Grammofon repariert”.
Bald jedoch wich die Unsicherheit beim Lesen. Die erfrischenden Erzählungen strotzen wieder vor ideenreichen Einfällen und brillierten im Umgang mit Sprache.
Gerade die Titelgeschichte über das Leben in der Uckermark haute mich um. Immer wieder findet Stanisic ungewöhnliche und schöne Wortzusammenstellungen (“uckermarkerschütternd”). Interessant, wie der Schriftsteller die fiktive Situation in Fürstenwerder nach dem Erfolg des Romans “Vor dem Fest” darstellt. Die Einheimischen beschreiben ihr verändertes Dasein, nachdem “der verweichlichte Jugo” mit seinem ungewöhnlichen Blick das Dorf berühmt gemacht hat. Jetzt kommen Literatur-Touristen mit Fotoapparaten aus Lübeck angeradelt, die hier keiner sehen will. Die Menschen wollen einfach nur in aller Ruhe in der Garage Flaschenbier picheln! Den feinen Pinkeln vom Literaturzirkel aus Lübeck konnte man aber wenigstens Zigaretten aus Polen und Bier aus dem Diccounter verticken, um sie sie dann aus der Garage zu schmeißen. (“Ein paar uckermärkisch lange Sekunden vergingen.”) Es ist grandios, wie wunderschön und präzise dem Menschenschlag meiner Heimat von Sasa Stanisic ein Spiegel vorgehalten wird!
Zitat: “Die Wildschweine blieben für sich, sind ja eigentlich auch schüchterne Zeitgenossen, dem Uckermärker gar nicht unähnlich, vielleicht fühlen sie sich deswegen unter uns so wohl. Stachelt man uns aber an, dann fahren wir schon mal aus der Haut.”
Von der Kritik nicht gerade überschwänglich gelobt:
(Neues Buch:

Bücher: Grandioses Motto

Foto: Jabs

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Johann Wolfgang von Goethe:
“Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.”

Bücher, Fussball: J. L. Carr: “Wie die Sinderby Wanderers den Pokal holten”

Foto: Jabs

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In diesem vortrefflichen Roman J. L. Carrs postuliert ein schlauer Philosoph fünf simpel erscheinende und eherne Regeln für das Fußballspiel einer Amateurmannschaft. Das ist interessant, passiert dies doch aus der Sicht eines Mannes, der von dem Sport keine Ahnung hat, also ein Blick “von außen”:

“1. Man kann den Ball ohne Weiteres spielen, ohne auf seine Füße zu schauen. Frauen müssen beim Stricken auch nicht auf ihre Hände gucken.
2. Ein herausragender Torwart ist das wertvollste Gut einer Mannschaft. Selbst einem überlegenen Gegner kann er beinahe aus eigener Kraft den Sieg vereiteln.
3. Ein guter Torwart muss nicht unbedingt ein besonders guter Fußballer sein. Er braucht ähnliche Fähigkeiten wie ein guter Tischler oder Busfahrer – er muss augenblicklich Räume und ihr Fassungsvermögen einschätzen können. Außerdem muss er über außergewöhnliche Geschicklichkeit und Mut verfügen.
4. Der einzig bedeutende Unterschied zwischen  den technischen Fähigkeiten eines Amateurs und denen eines Profis ist, dass Letzterer den Ball mit dem Kopf weitaus präziser weiterleiten kann. Vorschläge zur Abhilfe. 1.) Wenn möglich, den Ball in Bodennähe halten, und 2.) ein Gelände als Spielfeld aussuchen, das ungeeignet für hohe Bälle ist.
5. Jeder Spieler bis auf den Mittelstürmer muss das eigene Tor verteidigen, und jeder Spieler bis auf den Torwart muss das gegnerische Tor angreifen.”
Gerade für Jünger des Fußball aus den Niederungen des Amateurfußballs sind die Schilderungen um diese Mannschaft aus Sinderby ein Hochgenuss, fühlt man sich auch an das eigene Treiben auf und neben den Sportplätzen erinnert.
Dieser hoch gelobte Roman gefällt auch wegen amüsanter Beschreibungen der bizarren Beziehungen des Lebens auf dem Lande. Die Spielberichte erscheinen mir hingegen etwas fade, aber der Autor begeistert sich einfach mehr für die Geschichten der Menschen rund um den grünen Rasen.
Zitat: “Das Leben ist nun mal keine Schallplatte, die man immer wieder abspielen kann, bis man das Gefühl hat, das Stück zu verstehen.”

Bücher, Fussball: “Nach dem Spiel”

Foto: Jabs

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Eine wunderbare Geschichte von Detlef Kuhlbrodt, die ich schon vor Jahren aus einer Taz ausschnitt: 

“Montagabends spiele ich Fußball. Ich bemühe mich dabei, nicht mit meinen Spielkameraden zusammenzustoßen. Überhaupt ist es eine Unverschämtheit der Natur, nicht mehr so schnell zu sein wie vor zwanzig Jahren. Aber eigentlich auch ganz okay. Und am besten ist immer die Afterhour; wenn man unter der Dusche steht, die viel besser ist als die zu Hause, wenn der ganze Körperquatsch schön wehtut. Weil Sport die Gifte abbaut, schmecken Bier und Zigaretten danach viel besser als vor dem Spiel. Auch unterhält man sich gerne – gelöst fallen einem lustige Sachen ein. Selbst das Schicksal von Fußballvereinen wie Braunschweig oder Köln, das manche Kollegen bewegt, scheint nach dem Spielen interessant.” 

Bücher: Jahreswechsel

Jabs

Jabs

Neujahrsblatt ins Album von Hermann Hesse

Jedem Tag ein kleines Glück
Ohne Sorge abgewinnen,
Jeden frohen Augenblick
In das goldene Netz zu spinnen
Heiterer Erinnerung.
Jede Stunde sich im Glanze
Reiner Gegenwart versenken,
Dennoch auf das schöne Ganze
Immerfort den Blick zu lenken –
Wer´s vermöchte, bliebe ewig jung.

Bücher: Weihnachtsgeschichte 2018

Foto: Jabs

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In der traditionellen Weihnachtsgeschichte der Berliner Zeitung fiel mir ein erzählerischer Kunstgriff des mit Literaturpreisen überhäuften Schriftstellers/Journalisten Alexander Osang auf, den mir meine Deutschlehrer seinerzeit sicher angekreidet hätten :

…Clara, ihre Tochter, hatte ein Austauschjahr in Idaho, wo es jetzt erst mittags war. Die Gasteltern waren Mormonen, was sie vorher nicht gewusst hatte. Clara hatte aber gesagt, es gebe nur eine Frau im Haushalt. Benjamin arbeitete in einem Hotel in Amsterdam, nachdem er sein Studium für internationale Politik in Maastricht abgebrochen hatte. Es hatte Thomas umgeworfen. Er hatte seine Zukunftshoffnungen auf seinen Sohn konzentriert. Thomas war in der Nacht nach Maastricht gefahren, um seinen Sohn zu bekehren, aber er hatte ihn nicht mehr gefunden. Er war durch die fremde Stadt geirrt und wieder zurückgekehrt…

…„Frohe Weihnachten“, sagte sie.

„Frohe Weihnachten“, sagte er.

„Was ist mit Ihrer Frau passiert?“, fragte sie.

„Sie hat gesagt, sie wäre lieber Sie“, sagte Beil.

„Ich?“

Das waren ihre letzten Worte.“

Sie lachte, es war ein raues, heiseres Lachen. Sie trank die Hälfte ihres Drinks aus. Sie nickte dem Barmann zu. Dann trank sie die andere Hälfte aus.

„Sagen Sie ihr bitte, das wäre nichts für sie“, sagte sie.

Beil nickte. Er sah auf die Uhr und zahlte.

„Ich muss noch in die Kirche“, sagte er.

„Halleluhja“, sagte sie.

„Ja“, sagte er