Category Archives: Kino

Kino: Jim Jarmusch: “Paterson”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Ich erfuhr gerade ein ungewöhnliiches Kinoerlebnis:
Das kleine Lichtspieltheater (im Berliner Acud) war völlig überfüllt, Beinfreiheit gibt es überhaupt nicht (Joppe und Rucksack unterm Stuhl, Beine gespreizt und Knie 3 cm in der Rückenlehne des Vordermanns), in der zweiten Reihe außen ist das Bild nicht gerade in HD-Qualität.
Dort kann man sich an einem (auch noch) amerikanischen Film erfreuen?
Aber der Meister (oder schon Altmeister?) Jim Jarmusch schuf wieder einen Hochgenuss für die Freunde der ruhigen bewegten Bilder.
Die Geduld und meine Vorschusslorbeeren, die ich eingestehen will, wurden auf eine beinharte Probe gestellt (ich drohte in Morpheus Arme zu sinken): In diesem Streifen passiert über eine Stunde lang wirklich nichts, jedenfalls nichts spektakuläres. Und das trägt den bewusst langmütigen “Paterson”, denn dann kommt Bewegung in die präzise erzählte poetische Geschichte und der Schluss garantiert (jedenfalls erzeugte er bei mir) Gänsehaut.
Wahrlich großartig gelingt es Jim Jarmusch, die Lyrik als solche und das schön handgeschriebene Wort zu ehren, ja zu feiern.
(Überragend ist das Lobpreisen der Grafik eines Streichholzschachteletiketts.)
Das ist ein leises Meisterwerk und hält an darüber nachzudenken, ob man sich mit den kleinen Erfolgen im Leben nicht zufrieden geben sollte – zufrieden geben nicht im Sinne von bequem, faul, langweilig…  
Zitat aus “Paterson”: “Das ist mein Schicksal, die für mich bestimmte Last.”

http://www.zeit.de/2016/48/paterson-jim-jarmusch-film

Kino: Francois Ozon: “Frantz”

Foto: Jabs

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Ja, ich weiß, dass es total blödsinnig ist, viel über einen Film zu lesen, bevor man ihn gesehen hat. Aber verschiedene Umstände verschoben den Kinobesuch von “Frantz”.
Trotzdem war mir dieses Meisterwerk von Francois Ozon größtes, wenn auch unendlich trauriges  Vergnügen. Das ist wahrlich nichts für zartbesaitete Seelchen – die Tränen flossen fortwährend in Strömen…
Es geht eben unentwegt um die ganz großen Gefühle: Die tragische, unerfüllte Liebe, das mitunter schwierige Vater-Sohn-Verhältnis und die kaum fassbare Dimension der Vergebung – im Kleinen, Familiären, wie auch im Großen, Politischen. Wie kann man nach unermesslicher Trauer seine Lebensfreude wiedergewinnen?
Das Stück bearbeitet interessant die Thematik “Lüge”, besser “Notlüge”. Wann gestehen wir ihr aufrichtig Berechtigung zu? Ja, wann ist sie gar notwendig?
Noch eine Anmerkung zur Technik: Mein Vorurteil wurde erneut bestätigt: Das digitale Schwarzweiß kann dem analogen Schwarzweiß das Wasser nicht reichen.
Mein Zitat aus dem Film: “Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen.”

http://www.kino-zeit.de/filme/frantz

Kino: “Tschick”

Foto: Jabs

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Mein durch Maren Ades “Toni Erdmann” schwer erschüttertes Vorurteil deutschen Spielfilmen gegenüber wurde just wieder verhärtet.

“Tschick”, die eng  an den Bestsellerroman von Wolfgang Herrndorf (vor sechs Jahren erschienen, 2,2 Millionen Mal verkauft) angelegte Verfilmung durch den international renommierten Fatih Akin jubelten Medien allerorts hoch. Mir gefiel der Streifen im Gegensatz zu den Filmkritikern gar nicht. Die Geschichte zweier Vierzehnjähriger erreichte mich nicht und der Verlauf dieses Roadmovies erschien vorhersehbar, die lustig angelegten Sequenzen fand ich nicht witzig. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass man hier mit heißer Nadel strickte (ursprünglich sollte David Wnendt Regie führen, der kurz vor Drehbeginn aus dem Projekt aussteigen musste).
(Einziger Höhepunkt für meinen Geschmack: ein Fetzen toller Musik – “Hurra, die Welt geht unter” von KIZ!

Kino, Mattscheibe: “Metamorphosen”

Foto: Jabs

Foto: Jabs

Sebastian Mez hat 2013 einen starken Dokumentarfilm gemacht!

Die Katastrophe 1957 in Majak, einem russischen Kernkraftwerk im Südural wurde wenig beachtet, da man versuchte, sie geheim zu halten. Das gelang 30 Jahre. Der Autor liefert nun wundervolle, aber schwerwiegende Bilder über die Auswirkungen bei der Bevölkerung in einem Dorf der Umgebung der Unglücksstelle, übrigens ohne russische Drehgenehmigung. Die Landschaften erscheinen teilweise unnatürlich “überschärft”. Ist das eine Folge der digitalen Umwandlung des Aufnahmematerials in Schwarzweiß (Photoshop-Filter)? Jedenfalls beeindrucken die Vollformatporträts der Menschen (Nahaufnahmen) ungemein.

Kino, Mattscheibe: Yalom’s Cure

Foto: Jabs

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Eine sehr interessante und zudem ausgezeichnet gemachte Dokumentation (wunderbare Filmmusik!) über den einflussreichen Psychotherapeuten Irvin Yalom.
Beworben wird die erfolgreiche Arbeit des US-amerikanischen Bestsellerautors als “Anleitung zum Glücklichsein”. Der Film stellt die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Für mein Verständnis erklärt er aber die große Liebe und eindringlich den Wert der Beziehung zwischen Frau und Mann. Yalom weiß, dass in der Verliebtheit das Ich sich in ein Wir auflöst und dass es bescherlich werden kann, das Ich wieder zu erwecken.
Die 2014 entstandene Filmbiografie von Sabine Gisinger ist mir nur etwas zu verklärt, der Protagonist wird arg schöngeredet.